Auf der Suche nach Verbundenheit

Lagerfeuer-Blog der Schreibfreundinnen

Ich bin eine Einzelgängerin. War ich schon als Kind. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich mich in Gemeinschaft vieler Kinder oft einsam und getrennt fühlte. Ohne ersichtlichen Grund. Ich wurde weder gemobbt noch ausgestossen. Ich war einfach lieber allein. Bloss konnte ich das niemandem erklären.

Ganz oft geht mir das auch heute noch so, ganz einfach, weil es mir rasch zu laut und zu viel wird. In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass das sein darf. Und ich habe auch aufgehört, mich für meine Neigung zum Alleinsein zu rechtfertigen. Alleinsein ist für mich ungestörte Wahrnehmung, die mir ungemein viel Kraft gibt.

Lange Zeit fragte ich mich, weshalb ich dieses Gefühl des Getrenntseins nur aus der Gemeinschaft mit Menschen kenne. In der Natur war und ist es mir völlig fremd. Das Zusammensein mit Menschen befördert die Sache mit dem Vergleichen und den Erwartungen. Beides macht nicht glücklich. Aber ist das die ganze Erklärung? Ich kenne sie doch auch, die schönen Momente des Zusammenseins. Aber was genau macht sie für mich zu schönen Momenten? Diese Fragen konnte ich mir lange Zeit nicht beantworten. Doch dann begann ich – frei nach Rilke – in die Antworten hineinzuleben.

Vor einigen Jahren wurde der Wunsch, ein kreatives Leben zu führen, ganz laut in mir. Ich fragte mich weshalb und verortete das Ganze in meiner Kindheit. Ich zeichnete, bastelte, dekorierte mein Zimmer und liebte alles, was mit Farben zu tun hatte. Mit anderen Worten: ich tat das, was Kinder halt so tun und davon wollte ich zumindest einen Teil zurückhaben. Aber ist das die ganze Wahrheit?

Bei Kindern fasziniert uns dieser Zustand des unschuldigen Staunens, der noch völlig frei ist von allen Nützlichkeitsüberlegungen. Aus heutiger Sicht stellen wir uns diesen Zustand paradiesisch vor und es ist ganz normal, dass wir spätestens zu einem Zeitpunkt im Leben, indem sich die Dinge zu wiederholen beginnen, Sehnsucht nach dieser kindlichen Einfachheit und Klarheit bekommen. An dieser Sehnsucht ist ja nichts falsch, bloß gibt es dieses „Zurück“ nicht mehr.

Heute glaube ich, der Wunsch nach Kreativität liegt ganz anderswo als in einer verklärten Vergangenheit, die es vermutlich gar nie gab. Der Grund, weshalb der Wunsch nach einem kreativen Leben plötzlich so laut in mir wurde, war in erster Linie einmal Unzufriedenheit. Es gab so vieles, mit dem ich nicht mehr klar kam. Meine Lebensmitte fühlte sich unpassend an, meine Arbeit machte mich nur noch müde und ich trug lange Zeit das Gefühl mit mir herum, an einem anderen Ort sein zu wollen als an dem, wo ich mich gerade befand.

Oft hat eine solche Unzufriedenheit ihre Wurzeln ja auch im Gefühl, kein selbstbestimmtes Leben zu führen. Viele Jahre lang habe ich richtig viel Zeit mit meiner Arbeit verbracht. Ich habe sie geliebt und meinen vollen Terminkalender nie hinterfragt. Aber dann kam der Moment, in dem ich begann, morgens um 5 Uhr aufzustehen, um noch „etwas Zeit für mich“ zu haben. Ich begann zu schreiben und stellte fest, dass vieles in meinem Leben eigentlich gar nichts mehr mit mir zu tun hatte. Ich war einen Weg gegangen, den man als „richtig gute Karriere“ bezeichnen kann und von dem ich auch lange Zeit überzeugt war, dass es „mein Weg“ war. Weshalb fühlte ich mich dann ständig so leer und erschöpft?

Der Verdacht nährte sich in mir, dass diese Leerheit und die Erschöpfung das neue Getrenntsein waren. Ich war abgestumpft, als wohl logische Reaktion auf den Ansturm der Zeit. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wie ich sonst hätte reagieren sollen auf das Affentheater, das von mir erwartet wurde. Glücklicherweise bin ich aufgewacht.

Rückblickend denke ich, es ist wie beim Schreiben. Wenn ich einen Text zu einem bestimmten Thema schreiben will, brüte ich manchmal tagelang. Ich lese herum, gehe spazieren, mache mir Notizen, die zuweilen ziemlich hilflos und ziellos wirken. Wenn ich aber lange genug brüte, kommt irgendwann der Augenblick zwischen dem Empfinden der Ziellosigkeit und dem Gefühl für die Richtung. Der Moment, indem ich erkenne, dass das vermeintliche Chaos ein Gravitationszentrum hat. Es fühlt sich an, als würde man sich an etwas erinnern, das man lange Zeit vergessen hatte. In meinem Falle ist das die Kreativität.

Den Zugang zu meiner Kreativität fand ich schreibend wieder. Ich kann mich vollkommen vertiefen in das, was mich beschäftigt und dabei auf alle Einzelheiten des Erlebens achten. Komme ich so in der Gegenwart an, ist das für mich Verbundenheit. Das Schreiben war auch mein Weg in eine Gemeinschaft, die für mich passt. Diesen Weg auch in einer Gemeinschaft schreibender Frauen zu gehen ist ein wunderbares Geschenk.

Ich durfte lernen, dass das Eintauchen in die Kreativität hilft, uns gegenseitig näherzukommen. Durch dieses feine kreative Verbundensein können wir Mitgefühl entwickeln und tiefere Beziehungen zur Welt aufbauen. Kreativität verbindet uns und es ist mächtiger, als das, was uns trennt.

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