Wir Schreibfreundinnen haben uns eine Sommerpause verordnet oder eine «Piemont-Kirschen-Pause», wie unsere Alex das so schön nennt. Aber so ganz konnten wir es natürlich nicht lassen, und so kam die Idee auf, gegenseitig Portraits von uns zu schreiben. Basis für unsere Portrait-Reihe war, dass ausgelost wird, wer über wen schreiben darf und dass wir vielleicht den «Proust-Fragebogen» als Grundlage oder so nutzen.
Ich hatte die grosse Freude, mit Claudia Kaleita ein wunderschönes und spannendes Gespräch zu führen. Es war aber auch eine Herausforderung für mich. Claudia hatte in den letzten Jahren eine schwere Krebserkrankung und ihr Leben ist auch geprägt durch das Thema Missbrauch. Sie geht sehr offen mit diesen Themen um und schreibt auch darüber. Gerade deshalb habe ich versucht, eher die kleinen Dinge in Claudias Leben zu beleuchten, nicht, um der Achterbahn des Lebens auszuweichen, sondern weil es mich einfach auch interessiert hat. Ich habe dann festgestellt, dass sich das nicht wirklich trennen lässt und mein Ansatz stellte sich gerade bei der letzten Frage als nicht so ganz glücklich heraus (nein, nicht runterscrollen!) oder vielleicht gerade, wer weiss. Oder wie Claudia sagen würde: Leben eben.

Es erübrigt sich eigentlich zu erwähnen, dass ich irgendwie vom Fragebogen abkam und so stieg ich mit der Frage ein, die man entweder abgrundtief langweilig, oberflächlich (je nach Antwort) oder mühsam finden kann. Claudia hingegen ging ganz entspannt darauf ein oder darüber hinweg.
Wie geht es Dir gerade?
Warm. Aber gut. Ich habe gerade Sport gemacht, das war richtig gut.
Nenn mir drei Dinge, die Du jetzt sofort greifen kannst, ohne aufzustehen.
Meine Kaffeetasse, die Wasserflasche und das Handy.
Was liegt immer in Deinem Kühlschrank?
Möhren, Joghurt und Milch.
Was ist Deine wichtigste Charaktereigenschaft in Bezug auf Deine (berufliche) Tätigkeit?
Ich habe riesige Freude, die eigene Stimme zu benutzen, weil ich weiss, dass ich Menschen damit berühren kann.
Womit beschäftigst Du Dich Deiner Meinung nach zu viel oder/ und zu wenig?
Ich reflektiere zuviel. Ich kann fast endlos Situationen, Gedanken und Gefühle auseinandernehmen und wieder zusammenzubauen. Aktuell gehe ich zu wenig alleine raus, weil ich mir gerade selber im Weg stehe.
Welche Eigenschaften schätzt Du bei anderen Menschen am meisten?
Echtheit, Offenheit, Respekt und Herzenswärme.
Gibt es Menschen, mit denen Du nicht kannst?
Jedes Lebewesen bekommt von mir zuerst einmal ein Lächeln. Ich kann an sich mit jedem, aber mit manchen Menschen macht es einfach keinen Spass. Ich mag gute, offene, tiefe Gespräche und gegenseitige Akzeptanz. Wenn ich das beim Gegenüber nicht spüre, verabschiede ich mich in der Regel oder halte es auf einem Minimum. Gerade ist mir das mit meinem Nachbarn passiert. Eigentlich hätte ich ihm viel zu sagen, tue es aus den genannten Gründen aber nicht.
Lieber lesen oder schreiben?
Mittlerweile beides. Ich habe schon immer viel gelesen, zum Schreiben habe ich aber erst in den letzten 5 Jahren gefunden.
Was liest Du gerade?
Eragon von Christopher Paolini. Wenn ich aus meinem Kopf raus möchte, lese ich gerne Fantasy-Romane. Und: Die Seele will frei sein von Michael E. Singer.
Gibt es ein Buch das Du besitzt, von dem Du weisst, dass Du es nie lesen wirst?
Bücher die ich nicht lese, gebe ich weg. Eines habe ich noch: «Illustrated Stories from Shakespeare“. Das kann man toll als Erhöhung für irgendwas benutzen.
Hast Du eine Lieblingsschriftstellerin oder einen Lieblingsschriftsteller?
Nicht wirklich. Ich lese querbeet. Aber die Fantasy-Romane von Cassandra Clare mag ich ganz gerne. Oder Bücher von Lisa Grimm, einer lieben Kundin von mir. Sie schreibt übernatürliche Krimis. Schwere Autoren mag ich nicht. Da bin ich ein Leichtgewicht.
Wer oder was inspiriert Dich?
Es fällt mir extrem schwer, diese Frage zu beantworten. Mich faszinieren beispielsweise Menschen, die sich bewusst sind, was wir gerade für eine Zeit durchmachen. Menschen, die für sich festgestellt haben, dass es so, wie sie leben, einfach nicht mehr geht und es verändern, so wie Du und ich.
Weshalb ist Dir das Schreiben wichtig?
Das Schreiben ist mein Ventil. Mittlerweile fühle ich so viel und ich habe so viele Gedanken. Und ich musste ein paar Glaubenssätze aufräumen. Ich schreibe sehr offen, auch über sehr persönliche Dinge. Damit mache ich mich angreifbar, aber das weiss ich.
Wann, wo, was und wie oft schreibst Du?
Ich bin eher eine Impulsschreiberin. Ich schreibe, wenn in meinem Leben etwas passiert, wenn meine Seele oder mein Herz herausgefordert werden. Am liebsten schreibe ich zu Hause und wann immer es geht draussen, auch im Winter, mit Wolldecke. Manchmal setze ich mich für einige Zeit aber auch jeden Morgen hin und schreibe meine Journaling-Seiten.
Wann schreibst Du bewusst nicht?
Wenn anderes meine Aufmerksamkeit dringender braucht, zum Beispiel die Hunde. Und wenn etwas ganz ganz weh tut warte ich, bis dieser Schmerz durch mich durch ist. Erst dann schreibe ich.
Bereust Du etwas nicht getan zu haben?
Dass ich nicht eher aus toxischen Beziehungen raus bin, habe ich früher bereut. Heute akzeptiere ich, dass ich diese Zeit gebraucht habe und lerne daraus. Mir gefällt die Idee des «hätte-hätte-Fahrradkette-Gefühls» nicht. Vor zehn Jahren hätte ich diese Frage ganz anders beantwortet. Das ist auch eine Frage der Entwicklung. Alles, was mir passiert ist, hat mich stark gemacht und damit kommt Ruhe in mein System.
Gibt es etwas, das Du Dir vorgenommen hast?
Ja. Ich möchte mehr in meine Leichtigkeit kommen, die ist mir in den letzten Monaten etwas abhanden gekommen. Es ist eine bewusste Entscheidung, sich leicht zu fühlen. Zum Beispiel wenn ich mit einem Hund spiele und er mich anschaut. Leichtigkeit bedeutet für mich, in dem Moment zu sein, genau jetzt ist er da, der Blickkontakt.
Gibt es etwas, das Du noch hinzufügen möchtest?
Du hast mich gar nicht auf meine Tattoos angesprochen.
Stimmt, hätte ich das tun sollen?
In letzter Zeit habe ich viel Intoleranz wahrgenommen bis hin zu Vorträgen, wie schädlich das Ganze ist. Es kam aber nie die Frage, weshalb ich die Tattoos habe. Meine Tattoos sind meine Roadmap. Alles, was mir wichtig ist, findet sich in meinen Tattoos. Sie sind aber auch mein Schmuck.
Ich verstehe, ein Interview über Deine Tattoos wäre Dein Portrait gewesen.
2012, mit 48, habe ich mein erstes Tattoo machen lassen. Jede einzelne Linie hat eine Bedeutung: leben, lieben, lachen, leiden, loslassen. Das ist es, was ich noch vom Leben will. Und mit jeder Linie machte ich einen Schritt in meine Richtung.
Das erste Tattoo mit 48 war eher spät, weshalb?
Das hat mit meiner Missbrauchsgeschichte zu tun, die ich dissoziativ erlebt habe.
Ich bin seit 45 Jahren Fotografin, deshalb die Old-School-Kamera, das bin ich. Der Kranich steht für Stärke und der Mantarochen für meinen grossen Wunsch, tauchen zu lernen. Der Schmetterling steht für die Freiheit. Er gibt mir eine Stimme. Und die Rose auf meiner Herzhöhe will sagen, dass das Herz froh sein kann, aber es kann auch leiden. In der Hypnotherapie sah ich das Bild einer Hibiskusblüte. Sie befindet sich nun auf meiner Hüfte. Und auf meinem Arm trage ich meinen Seelenhund.
Seit Deinem ersten Tattoo hat sich also sehr viel verändert in Deinem Leben?
In der letzten Zeit bin ich weicher und fühlender geworden. Ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören. Ich bin seit dem Krebs nicht mehr wie vorher, ich vertrage keinen Stress mehr. Die Krebserkrankung hat mich sensibilisiert. Mit dem Thema Missbrauch gehe ich offener um, das hat schon vor Jahren angefangen. Heute geht es mir darum, den Menschen Impulse mitzugeben. Das mache ich auch mit meinem Moments-Live-Talk. Nach meiner Diagnose ist eine Freundin von mir zum ersten Mal zu einer Darmspiegelung gegangen.
Hätten wir dieses Gespräch vor zwei Wochen geführt, wäre es vielleicht anders rausgekommen. Im Moment habe ich wieder diese Ruhe in mir. Ich werde wieder bewusster, in dem was ich brauche, was ich machen will und was ich brauche. Ich versuche, so sanft wie möglich mit mir zu sein. Nur aus der Ruhe kann ich wieder kreativ sein und schauen, was sich entwickelt.

Herzlichen Dank Claudia!
