Lagerfeuer-Blog der Schreibfreundinnen
Nun schreiben wir Schreibfreundinnen schon so lange gemeinsam und erst jetzt kommt diese Frage auf: warum tun wir das eigentlich? Nach der gängigen Ratgeberliteratur soll man ohne sein «Warum» angeblich gar nicht wirklich handlungsfähig sein. Ich zweifle ein wenig daran, ob man für das, was man tut, stets eine Begründung braucht. Entgegen aller Erkenntnisse aus der positiven Psychologie glaube ich, dass das sinnfreie Tun und/oder Sein durchaus ihre Berechtigung haben. Dennoch ist die Frage nach dem Warum eine spannende Frage und ich kann sie für meine schreibende Tätigkeit mit vier Worten, die seit etwa einem Jahr einen wesentlichen Teil meines gelebten Lebens beschreiben, beantworten:
Lesen – Schreiben – Denken – Werden.
Um es vorweg zu nehmen: Schreiben kann ein grauenhaft zäher Prozess sein, ein ständiges Gerangel mit Selbstzweifeln jeglicher Schattierung, die ich an dieser Stelle nicht ausführen werde. Ich gewöhne mir diese Dinge gerade ab und will den Prozess nicht stören. Das, was ich im Folgenden beschreibe, ist deshalb die Antwort auf die Frage, weshalb ich es trotzdem tue.
Durch das Schreiben werde ich zu einem lesenden Menschen. Das war ich schon immer, aber nun lese ich langsamer, offener, aufmerksamer. Will ich dem Leben seinen Lauf lassen und den Pfad der Chronos-Zeit verlassen, lese ich Bücher. Ich tauche ein in Geschichten, lerne andere Menschen und Kulturen kennen und nehme wahr, wie sich meine Empfindungen in Bezug auf dieses «Andere» und auch in Bezug auf mich selbst verändern.
Ich lese immer mindestens drei Bücher parallel: ein Sachbuch, einen Roman aus dem weitgefassten Genre, das man wahrscheinlich «gute Literatur» nennt und etwas Nettes zum Einschlafen. Aus dem Sachbuch werden neuerdings meistens zwei bis drei.
Das, was ich lese, webt sich vor dem Schreiben auf magische Weise zu einem thematischen Teppich zusammen, auch wenn die Auswahl der Bücher zu Beginn zufällig erscheint. Und nein, beim Schreiben wird es dann kein Plagiat. Damit kenne ich mich aus, darüber habe ich tatsächlich schon ein Buch geschrieben.
Das Schreiben gibt meinem Lesen mehr Tiefe. Am Schreibprozess mag ich die manchmal unendlich scheinenden Phasen des lesenden Brütens. Ich lese und lese und spüre, wie sich langsam ein Thema zu formen beginnt. Dann lese ich weiter. Das Thema verändert sich wieder. Und irgendwann, in einem unbewachten Moment weiss ich, dass ich jetzt damit beginnen muss, diesen Text zu schreiben. Auslöser kann ein Zeitungsartikel, ein Gespräch, dem ich zugehört habe oder einfach ein besonderer Moment in der Natur sein.
Wenn ich schreibe, formuliere ich Sätze, gestalte Abschnitte, stelle alles wieder um, füge Neues hinzu, während das Thema im Raum wabert. Irgendwann fügt sich alles zu einem sinnvollen Ganzen zusammen und ich lasse es wieder liegen, weil es denkend in mir weiterschreibt. Neue Analogien entstehen beim Weiterlesen und Weiterdenken. Ich mag diese Denkprozesse, die bei langen Spaziergängen oder in anderen ruhigen Momenten ablaufen.
Und ich mag das Alleinsein beim Schreiben. Ich muss nicht vorgeben, irgendetwas gemeinsam machen zu wollen. So wie früher, wenn ich bei einer Bewerbung jeweils angab, Basketball zähle zu meinen Hobbies um vorzugeben, ich sei teamfähig. Ich glaube durchaus, dass ich teamfähig bin, aber Mannschaftssport mag ich nicht (ausser im Fussballstadion) und schreiben und denken tue ich sehr gerne allein und ein eigenes Zimmer brauche ich auch. Da bin ich ganz nah bei Hannah Arendt (Denken) und Virginia Woolf (eigenes Zimmer). Im Übrigen arbeite allerdings noch an einer vergleichbaren Einzigartigkeit. Genauso wie das Alleinsein schätze ich es auch, gemeinsam zu schreiben, einander vorzulesen, sich über das Schreiben auszutauschen und dadurch einen ganz besonderen Resonanzraum zu schaffen, wie er auch beim gemeinsamen Meditieren entstehen kann.
Schreiben hat eine befreiende Wirkung auf mich. Mit dem Schreiben schaffe ich Distanz zu mir selbst. Ich packe Gefühle in Begriffe und entdecke die Welt neu. Schreibend bringe ich mich selbst ins Handeln und stosse eigene Veränderungsprozesse an.
Durch das langsame Lesen denke ich mehr und grüble weniger. Durch das Schreiben beginne ich fühlend zu denken. Um etwas, das ich denke, aufs Papier zu bringen, muss ich es auch fühlen, sonst bleibt es ungelebter Buchstabe. Schreibend kann ich beobachten, welche Gefühle aufsteigen und wohin sie mich führen. Und ich kann mich an eine Gegenwart erinnern, die vollkommen wird. Dieser Prozess des nicht denkenden Denkens ermöglich mir Zugang zu einem Teil von mir, der gerne neue Wege geht und der sich – und sei es nur für diesen unbewachten Moment – aus seiner gewohnten Begrenztheit lösen kann.
Schreibend finde ich zu einem tiefen Gefühl des Vertrauens, ich spüre, wann ein Text fertig/gut/ganz ist und wann noch nicht. Und ich weiss, dass es keine Abkürzung gibt. Sonst ist der Text eben nicht fertig/gut/ganz.
Ich mag den Menschen, den das Schreiben aus mir macht. Ich werde zu einem beobachtenden Menschen, nehme mehr wahr und höre anderen Menschen zu, ohne ständig das Gefühl zu haben, mich einbringen zu müssen. Schreiben macht mich auch zu einem geduldigeren Menschen, weil ich immer öfter akzeptiere, was ist.
Und ich mag es, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas tue das mich lehrt, das Ergebnis zu vergessen und mich auf tieferes Hinsehen, Zuhören und Wahrnehmen einzulassen. Schreiben ist eine stetige Übung, aufmerksam zu sein.
Willst Du wissen, warum die anderen Schreibfreundinnen schreiben? Dann lies hier weiter:
