Den Ortswechsel beobachten

Lagerfeuer-Blog der Schreibfreundinnen

Wenn man nicht so richtig weiss, was man tun soll, dann hilft es oft schon, einfach zu beobachten. Idealerweise ohne zu bewerten, einfach nur wahrnehmen. Aber so kompliziert muss es nicht mal sein. Das funktioniert in der Regel sehr gut in der Meditation. Einfach den Atem beobachten und schon kommen die ganzen wirren Gedanken über die Vergangenheit und die Zukunft zur Ruhe und im Jetzt an. Und das Leben wird mit jedem Atemzug langsamer.

Sobald wir unsere Sinne einsetzen, beobachten wir in irgendeiner Form. Wir können auch unsere Gedanken beobachten und ganz beeindruckend finde ich immer wieder, dass wir beobachten können, dass wir unsere Gedanken beobachten. Aber soweit wollte ich jetzt gar nicht gehen. Ich möchte einfach ein paar Gedanken darüber teilen, was passiert, wenn man, die eigenen Gedanken beobachtet.

Seit nunmehr eineinhalb Jahren lebe ich das Leben, das ich mir schon lange erträumt habe. Ich pendle zwischen zwei Welten in Spanien und Deutschland, die ich mein Zuhause nennen darf. Ich liebe es und hoffe, dass es noch lange so bleiben wird. Was ich aber unterschätzt habe, ist der vierteljährliche Ortswechsel, genauer, den Raum dazwischen.

Damit mein Seelenleben im Gleichgewicht bleibt, brauche ich gut organisierte Langeweile. Ich finde ja, Langeweile wird missverstanden. Ich meine damit eine gewisse Form von Regelmässigkeit und tägliche Fixpunkte in meinen Tagen mit genügend Leerräumen. Dazu gehören ein ruhiger Morgen, genügend Schlaf und Bewegung und regelmässige Mahlzeiten. Dies ist kein Luxus, sondern schlicht und einfach notwendig, um für mich und mein Umfeld erträglich zu sein. Ich habe über fünfzig Jahre gebraucht, um dies zu verstehen und zu akzeptieren.

Ich habe bereits gelernt, dass es mir hilft, an beiden Orten ähnliche Fixpunkte einzurichten. So habe ich zum Beispiel die Küchenutensilien an beiden Orten ähnlich sortiert, weil ich sonst beim Kochen ständig etwas suchen muss und das macht mich wahnsinnig. Aber noch viel wichtiger: Der Schreibtisch steht am Fenster meines Schlafzimmers und lädt mich ein zu meiner unverhandelbaren Schreibstunde am frühen Morgen ein.

Im Süden sehe ich von meinem Schreibtisch aus unseren Garten mit den vielen Platanen, die hohen Palmen im Garten unseres Nachbarn und den meist blauen Himmel. Und ich höre das Meer, weil ich fast in jeder Jahreszeit das Fenster offen lassen kann. Im Norden sehe ich grosse Bäume, in denen die Eichhörnchen von Ast zu Ast hüpfen und die dauerhaft laufenden Fernseher im Nachbarhaus. Letztere höre ich nicht, weil die Häuser glücklicherweise weit auseinander stehen und mein Fenster meistens geschlossen ist. Diese morgendliche Schreibstunde ist mein Anker. Sie erdet mich, im Süden wie im Norden.

Ayurvedisch gesprochen bin ich ein Vata-Pitta Typ. Das ist an sich eine feine Sache, weil sich viele positive Eigenschaften sammeln: Bewegungsfreude, Kreativität, schnelle Auffassungsgabe, Zielstrebigkeit, Intelligenz und Führungsqualitäten. Das habe ich jetzt aus einem Ayurveda-Buch abgeschrieben, kommt der Sache aber nahe, zumindest finde ich all das in irgendeiner Form in meinem geschriebenen und ungeschriebenen Lebenslauf wieder.

Geraten all die tollen Eigenschaften ins Ungleichgewicht – und das kann ganz schnell gehen – wird es anstrengend. Das passiert immer dann, wenn ich ganz viele neue Ideen habe (Vata) und diese dann auch perfekt und erfolgreich umsetzen will (Pitta). Das Ergebnis heisst Stress und ich bin jahrelang zuverlässig in diese Falle getappt.

Meine wohlorganisierte Langeweile wird beispielsweise durch den genannten vierteljährlichen Ortswechsel gestört. Aber auch durch zu viele Termine, Lärm, Bildschirmzeit, Reisen, soziale Aktivitäten aller Art und was sich sonst noch alles für kleine Drachen in der Welt der introvertierten Menschen tummeln. Gehe ich unbewusst durch solche Zeiten, bedeutet dies Nervosität und Unruhe mit ständig kreisenden Gedanken, innere Anspannung und Reizbarkeit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und ein empfindlicher Magen. Soviel zu meinem morgendlichen Schreibanker. Unverhandelbar.

Stress bedeutet ganz allgemein gesprochen, dass man an einem anderen Ort sein möchte, als dort, wo man gerade ist. Und das gilt wohl nicht nur für den Ort im übertragenen Sinne. Wenn ich in einem Tag durch halb Europa fahre, dann ist mein Körper angekommen, mein Geist und meine Seele haben aber einfach ein anderes Tempo und deswegen Stress. Zu Fuss gehen ist keine Option, zumindest nicht auf Dauer. Aber das Tempo muss irgendwie raus.

Und nun zurück zum Anfang. Wenn man nicht weiss was man tun soll…, genau: Beobachten. Und das Leben wird langsamer. Beim letzten Ortswechsel vor zwei Wochen begann ich also, diesen etwas genauer zu beobachten:

Der Abendhimmel glüht in allen Farben des Feuers, er kündigt den Winter an. In den zwei bis drei noch warmen Stunden am frühen Nachmittag fliegen die trägen Herbstmoskitos etwas hilflos herum. Man kann sie einfach von der Haut pflücken, bevor sie stechen.

In den Reisfeldern sammeln sich die Flamingos. Lautstark bereiten sie ihren Ortswechsel Richtung Süden vor. Ich meinen Richtung Norden.

Ein Wechsel von Draussen nach Drinnen, Wind Sonne Wasser und Sand noch heute. Morgen Zentralheizung, alle Fernsehprogramme, der Briefkasten, Lidl und Rewe um die Ecke.

Wenn die Flamingos und die Moskitos verschwinden, wird die Kälte laut und durchdringend, Drinnen und Draussen. Bin ich wieder Drinnen, mit Zentralheizung und Fernsehsendern, ist im Drinnen mehr Aussen. Das Weltgeschehen rückt näher und es gibt wieder Dinge zu erledigen. Das sagt zumindest der Briefkasten.

Meine tiefenentspannten Konsumnerven wachen wieder auf. Ich stehe auf dem Weihnachtsmarkt und freue mich über all die bunten Lichter und die vielen vertrauten Gerüche in der Luft: Zimt, Butter, geschmolzener Käse, Glühwein. Alles wie immer, ausser, dass ich keinen Glühwein mehr vertrage. Ich halte inne und stelle mir vor, wie die Flamingos würdevoll und sehr langsam durch die engen Gässchen zwischen den Markthäuschen schreiten und mit ihrem tosenden Geschnatter die Weihnachtsgeräusche übertönen. Ich rieche den Fluss und das Meer und die brach liegenden Reisfelder. Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich den glühenden Abendhimmel und werde ganz still, Innen wie Aussen.

Ob ich im nächsten Frühjahr die Eichhörnchen am Strand beobachten kann?

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