Das ist mein Lieblingskaffeeplatz im Hinterhof unseres spanischen Häuschens; sofern man in Spanien überhaupt von «mein» und «unser» sprechen kann. Gemeint ist damit jedenfalls in Spanien etwas anderes als in Deutschland oder in der Schweiz. Bereits während meiner Kindheit zweifelte ich am Konzept des Eigentums. Ich hatte den Eindruck, dass das nachkriegsbedingte Besitzstreben meine Eltern nicht unbedingt glücklich machte. Mein Erwachsenenleben konnte diese Zweifel nicht beseitigen.
Dennoch wagten mein Mann und ich vor 15 Jahren ein spanisches Grundeigentumsabenteuer. Es war eine der besten Entscheidungen, die wir je getroffen haben. Gleichzeitig hat es dazu geführt, dass ich schlicht und einfach nicht mehr an Eigentum glaube. Das befreit ungemein. Der Grund für diese Befreiung liegt einerseits im eigenwilligen Verständnis der spanischen Behörden zum Thema Rechtsstaat im Allgemeinen. Von der Rückwirkung neuer Gebührenregelungen über die Sperrung des Bankkontos aufgrund neuer Regelungen, die nicht mitgeteilt wurden hat hier schon so einiges mein juristisches Wissensspektrum erweitert. Die Eigentumsillusion im Besonderen ist aber geplatzt, als ein Forschungsprojekt einer Universität in Madrid einen Schutzwall im Meer nicht weit von unserem Haus vorsah. Die Folge dieses Schutzwalls wäre gewesen, dass man uns zur Sicherheit enteignet hätte. Dann wurde aber wohl das Geld für das Projekt anderweitig benötigt und das Kaffeesofa steht noch immer an seinem Platz.
Von diesem Sofa aus kann ich diesem Ort, an dem ich bin, zuhören. Zuhören ist weit mehr, als einfach den Geräuschen zu lauschen. Ohne Zweifel sind diese wunderschön. Der Wind in den Palmen und jede Menge Vögel, die zwitschern, sind eine schöne Geräuschkulisse. Ich kann aber auch hören, wie sich der Ort mit der Tageszeit verbindet. So höre ich zum Beispiel einen Vogel in der Nachbarschaft, der immer zur selben Tageszeit dieselben Melodien singt. Eine davon ist die Titelmelodie von Star Wars. Ich gehe davon aus, dass er das noch in einer Zeit gelernt hat, bevor hier im Dorf Glasfaser gelegt wurde. Für den raschen Seriendurchlauf von Netflix würde dem Vogel wohl die notwendige Zeit fehlen, die entsprechenden Titelmelodien einzuüben.
Denken und Lernen brauchen Zeit. Das sagt mir meine Erfahrung und ist auch nicht überraschend. Aber nun verstehe ich auch weshalb. Seit geraumer Zeit frage ich mich, weshalb mich der Umgang mit den sozialen Medien so sehr ermüdet und in der Folge deprimiert. Jetzt, in der Zeit auf meinem Kaffeesofa, ist es mir klar geworden. Ich beobachte hier über die Jahreszeiten hinweg die Pflanzen, wie sie sich verändern. Ich beginne zu verstehen, wann und unter welchen Bedingungen die Zitronen reifen, die Bougainvilleas und die Plataneras blühen. Ich beginne diese Pflanzen nicht mehr allein als Pflanzen, sondern in ihrem Raum und in ihrer Zeit zu sehen und zu verstehen. Ganz anders bei Informationen, die ich über Social Media erhalte. Ihnen fehlt jeglicher Zusammenhang, sowohl der räumliche als auch der zeitliche. Ich kann diese Informationen gar nicht verstehen, denn wirkliches Verstehen braucht Aufmerksamkeit für die jeweiligen Zusammenhänge.
Im Dorf gibt es eine kleine Bar, die eigentlich ein Fischerladen ist. In der Winterzeit wird der Laden zum einzigen Treffpunkt des Dorfes umgenutzt, da alle anderen Lokalitäten geschlossen sind. Viele sind es ohnehin nicht, da sich der Tourismus mangels Bespassungsaktivitäten glücklicherweise auf den August beschränkt. Ansonsten werden hier insbesondere Menschen glücklich, die sich der Ornithologie oder dem Angeln verschrieben haben oder die einfach ihre Ruhe wollen und gerne auf einem Sofa sitzen.
Es ist eine bunte Mischung von Menschen, die an diesem Ort hängengeblieben sind und jede und jeder hat eine ganz eigene Geschichte. Nicht wenige von ihnen treffen sich regelmassig in der kleinen Bar. Zugegebenermassen geht mein Mann meistens alleine hin, da mich meine introvertierte Seele eher auf dem Sofa hält. Ab und zu wage ich mich aber doch in die kleine Menschenmenge, da ich hier auch auf das gesammelte Wissen des Dorfes stosse. Ich erfahre hier weit mehr, als wenn ich mich im Internet in der Meinung, mich über die Weltlage informieren zu müssen, durch irgendwelche zusammenhangslosen Feeds scrolle. Wenn mir für eine Tätigkeit keine deutschen Wörter mehr einfallen, neige ich mittlerweile ohnehin dazu, diesen immer weniger Raum zu geben bis ich sie ganz vergesse. So ähnlich, wie ich auf Nahrungsmittel verzichte, wenn ich bei den Zutaten und Nährwertangaben auf einer Verpackung die Begriffe nicht verstehe. Ich habe mir schon vor Jahren abgewöhnt, solche Dinge zu essen, ganz nach dem Motto meiner Grossmutter: iss nur das, was du ins Wasser werfen kannst und danach immer noch essen möchtest. Ich fahre sehr gut damit. Und ich mache natürlich auch Ausnahmen. Vielleicht könnte das nicht nur ein Ansatz für das Essen, sondern für jegliches Tun sein. Um darüber nachzudenken brauche ich aber noch etwas mehr Zeit.
Und so wird mir auf diesem Sofa mehr und mehr bewusst, wie unverzichtbar es ist, immer wieder nichts zu tun. Und zwar in dem Sinne, dass ich mich von den gängigen Systemen löse damit ich Zeit habe nachzudenken und in der Folge etwas sinnvolles Neues in einem anderen Rahmen zu tun. Ganz ähnlich verhält es sich ja auch mit dem Nichts sagen. Nichts zu sagen ebnet ja nicht selten den Weg dafür, dass man schliesslich etwas zu sagen hat.
Ich bin überzeugt davon, dass es in unserem Leben nicht darum geht, nach etwas zu streben oder um irgendetwas zu kämpfen, wie beispielsweise Eigentum. Es geht darum, etwas Gutes in die Welt zu bringen. Deshalb schreibe ich und versuche auf diesem Weg, gute Gedanken in die Welt zu bringen. Gedanken werden Worte, Worte werden Handlungen, Handlungen werden Gewohnheiten, Gewohnheiten prägen die eigene Haltung und genau darauf kommt es am Ende des Tages an.
Gestern war mein Mann wieder in der kleinen Bar. Der Star Wars Vogel aus der Nachbarschaft heisst Mike und ist ein Papagei. Möge dieser Ort mit ihm sein.

Ein Gedanke zu “Dem Ort zuhören, an dem ich bin”