Der Elefant im Raum

Bericht aus der Stille Juli 2026

Der Sommer war noch nie meine bevorzugte Jahreszeit. Verspürt man keinen Drang, an den allgemeinen Sommerfestivitäten teilzunehmen, ist das erklärungsbedürftig. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Das Leben scheint mitten in der Hitze still zu stehen. Eigentlich ganz mein Ding und ich habe alle Zeit der Welt, mich mit ein paar Hindernissen zu beschäftigen.

Das erste Hindernis begegnete mir in einem Yogaretreat, in dem wir uns mit Elefanten beschäftigten. Elefanten sind interessante Tiere. Sie gelten als stark, intelligent, weise, gelassen, spielerisch, sehr sozial und fürsorglich. Im Hinduismus wird vor allem Ganesha als Gott der Weisheit, des Erfolgs und der Neuanfänge verehrt, auch wegen seiner Fähigkeit, Hindernisse zu überwinden. Und so versuchten wir die ganze Woche, es Ganesha gleich zu tun.

In einem Yogaretreat ist man nicht selten mit dem Thema Nähe und Distanz konfrontiert. Man möchte selbst zur Ruhe kommen, sich zurückziehen und doch ist die Verbindung mit anderen gefragt. Elefanten sind ja soziale Wesen. 

So wie ich den Yogaweg verstehe, geht es letztlich um die Auflösung des Ego. Und genau dies fällt mir nirgendwo so schwer wie in einem Yogaretreat. Bekomme ich beispielsweise kein Einzelzimmer, mag ich da nicht hingehen.

Ich hatte ein herrliches Einzelzimmer. Es war so schön, dass ich morgens in aller Frühe aufstand, um noch ein wenig in Ruhe zu lesen und zu schreiben.

Eines meiner Juli-Bücher war »Ohne Respekt. Eine soziale Krise.« des südkoreanisch-deutschen Philosophen Byung-Chul Han. Seine Gedanken über ein respektgeleitetes Miteinander, das auf Aufmerksamkeit und gegenseitiger Anerkennung beruht, trugen mich (ungeplant) durch die gruppendynamischen Prozesse dieser Woche. 

Ein paar Gedanken, die mich bei all meinen Beobachtungen an mir selbst und um mich herum zuverlässig in eine elefantengleiche Gelassenheit zurückbrachten:

Im Zusammenhang mit gegenseitigem Respekt weist Han unter anderem auf die Bedeutung des Takts hin. Takt bedeute, andere nach ihrem Maßstab und nicht nach dem eigenen zu messen. Takt sei auch eine Frage der Distanz. 

Besonders interessant fand ich die folgende Überlegung: Han macht darauf aufmerksam, dass für den Takt das Schöne und der Geist des Luxus wesentlich seien. Damit meint er nicht materiellen Luxus, sondern Freundlichkeit, absichtsloses Lächeln und das bewusste Abweichen von Not und Notwendigkeit. »Der Takt spielt mit dem schönen Schein. (…) Der Takt errichtet eine schonende Schutzzone gegen die eruptive Direktheit, Distanzlosigkeit und Enthemmung.« 

Und weiter: »Wer Takt besitzt, traktiert andere nicht.«

Nachdenklich machte mich die folgende Überlegung: »Je moralisierender eine Gesellschaft ist, desto taktloser und unhöflicher ist sie. Im Gegensatz zum moralischen Imperativ ist der Takt spielerisch, ja tänzerisch. Er verleiht dem sozialen Umgang eine Grazie, die ebenfalls in die Sphäre des Luxus gehört.«

Meine Erfahrung der vergangenen Jahre ist in der Tat, dass mich der Umstand, Zeit zu haben, sehr viel reicher macht. Natürlich nicht materiell, auf dieser Seite ist ein wenig Kreativität gefragt. Han’s Ausführungen bestärken mich jedenfalls in meiner Vermutung, dass die wahren Reichtümer des Lebens wie Zeit, Genuss oder Freundlichkeit nicht nur für uns ganz persönlich heilsam sind, sondern auch für unser Zusammenleben.

Ein weiteres Juli-Buch oder eher Büchlein (wenn es so heiß ist, kann man nur sehr langsam lesen) waren die »Gedankenspiele über die Einsamkeit« von Milena Michiko Flašar. Wie viele der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ich gerne lese, ist auch sie eine der leisen Töne. Eigentlich hätte sie aufgrund der Anfrage ihres Verlags über die Liebe schreiben sollen. Dazu wollte ihr aber ad hoc nichts einfallen. Zu groß erschien sie ihr, zu weit auch, zu hoch, zu schön, zu hell. Sie schlug deshalb vor, über die Einsamkeit zu schreiben, aus ihrer Sicht ein scheinbares Gegensatzpaar. Wo die Liebe ist, ist auch die Einsamkeit. Das Büchlein zog mich nach diesen Vorbemerkungen sofort in seinen Bann.

Im Yogaretreat sollten wir uns auch an unsere eigenen Hindernisse herantasten. Das musste ich nicht einmal, da ich mein Aktuelles sehr genau kannte. Schon seit einigen Wochen schob ich es von einer Ecke in die andere: Ich tat mich unglaublich schwer damit, mein Buch »Mut zur Stille« zu vermarkten. Immer wieder tröstete ich mich damit, dass man sich nicht die introvertierteste aller Tätigkeiten aussucht, um nachher laute Werbung zu machen. Zudem verbietet der Buchtitel schon ein solches Tun. Das Buch soll den stillen Weg in die Welt finden, und der führt kaum über Instagram und BookTok, zumal ich beide Orte noch nie besucht habe.

Byung-Chul Han schreibt dazu sehr schön: »Wir bewohnen nicht mehr Himmel und Erde sondern Google Earth und Cloud.« Ich bin definitiv der geerdete Typ, stoße aber mit diesem Anders-Sein immer wieder auf Unverständnis.

Hier kommt mir Milena Michiko Flašar zu Hilfe, indem sie schreibt, dass die einsame Bürde des Anders-Seins eine identitätsstiftende ist. »Sie definiert einen – und das gründlich!«. Ich fühle mich gesehen und schliesse daraus, dass mein Anders-Sein kein Hindernis ist.

Und mit dieser Erkenntnis zog ich direkt zu einem anderen Ort, nämlich zu meiner ersten kleinen aber feinen Buchlesung nach Wien. 

Auf dem Weg dorthin las ich mein nächstes Juli-Buch: »Contrapposto« von Dave Eggers. Ein einnehmender Roman über die verführerische, enttäuschende und zermürbende Welt der Kunst und was es eigentlich bedeutet, Künstlerin oder Künstler zu sein. Und über die Liebe und das Leben und den Glauben daran, die Welt verändern zu können.

Den Ort für meine Lesung schuf mir Susanne Öhlschläger von »Finde-Deine-Spur«. Sie gehört zu den Menschen, die auf ihre eigene sanfte Weise die Welt verändern, indem sie andere Menschen berührt und miteinander verbindet. So hat mich Susanne an diesem Abend mit wundervollen Menschen verbunden, die der Lesung nicht nur beiwohnten, sondern auch aufmerksam zuhörten. Und die mein Buch weiter in die Welt tragen werden.

Während der Lesung wurde mir irgendwann die Frage gestellt, die für mich mittlerweile erwartbar, verständlich und dennoch verstörend ist: »Wovon lebst Du denn jetzt?«

Ich dachte an die Protagonisten in Dave Eggers Roman, die sich ihr ganzes Leben lang immer wieder neu erfinden, weil sie an ihre Kunst glauben. Ich bin mir sicher, dass alle Menschen, die Dinge um ihrer selbst willen tun, und dabei versuchen, die Balance zwischen dem Vertrauen ins Leben und der materiellen Sicherheit zu halten, diese Frage kennen. Ob sie auch jedes Mal in die Rechtfertigungsschleife geraten, so wie ich?

Später wurde mir im Gespräch mit der faszinierenden Wiener Künstlerin Nike Kasis bewusst, dass ich ganz anders hätte reagieren sollen. Nike Kasis malt Bilder mit einer Schönheit und Tiefe, wie ich sie noch nie gefühlt habe. Dieses Gefühl lässt mich verstehen, was Byung-Chul Han meint, wenn er von Luxus schreibt. Eines dieser Bilder strahlt nun neben meinem Schreibtisch direkt in mein Herz. 

Auf die Frage hin hätte ich sagen sollen: »Ich lebe von meinen Büchern. Und von allem, was mir Freude macht.«

In Dave Eggers Roman gab es für mich einen Schlüsselmoment, indem der Protagonist Cricket ein ganz besonderes Kunstwerk erschafft: »Was ihm in diesem Moment und jahrelang danach verborgen bleiben sollte: Nur das zählte. Diese Stunden. Die Stunden der Schöpfung und die Stunden, in denen er sich am Feuer seiner Schöpfung wärmte. Allein, dass er Ekstase spüren konnte, aus sich selbst heraus, aus dem Nichts.«

Da ist es wieder: Das Spielerische, das Tänzerische, der Genuss, der Luxus. Der Boden, auf dem der Takt bereitet wird, der wiederum Voraussetzung für ein respektvolles Miteinander ist. Auch ich will daran glauben, die Welt ein ganz kleines bisschen verändern zu können.

Vom Wesen der Nützlichkeit

Bericht aus der Stille, Juni 2026

Die ersten drei Juniwochen verbrachten mein Mann und ich in unserem zweiten Zuhause in Spanien. Zu Beginn waren die Temperaturen so, dass man gerade noch wandern konnte, wenn auch langsam. Aber Langsamkeit ist ja seit einiger Zeit meine bevorzugte Art zu sein, also begab ich mich auf den Weg. 

Meine Lieblingswanderung führt sechs Stunden der Küste entlang durch eine Vielzahl meist einsamer Buchten. Ich begegnete nur wenigen Menschen. Einer davon war Andrés. Mit schwerem Gerät bewirtschaftete er einen großen verwilderten Garten, indem man zwischen dem Gestrüpp ein kleines Haus erkennen konnte, wenn man genau hinschaute. 

Als er mich sah, rannte er mir nach und fragte, ob es hier in der Nähe einen Laden oder eine Bar gebe, wo er Wasser kaufen könne. Ich kannte die Strecke bislang nur aus der Wintersaison und verneinte. Er schien durstig zu sein und ich bedauerte, ihn so schwitzend und enttäuscht zurückzulassen, aber ich hatte keine bessere Idee.

Nach einigen Hundert Metern verzweigte sich der Weg und ich entdeckte eine Strandbar, die saisonbedingt geöffnet war. Ich lief wieder zurück und berichtete Andrés von meiner Entdeckung. Verzweifelt schaute er mich an und meinte, er könne nicht weg, weil er seine Maschinen nicht alleine lassen wolle, sie würden sonst gestohlen. Ob ich ihm zwei Flaschen Wasser bringen würde? Er entschuldigte sich mehrfach für seine Frage und schwitzte dabei zunehmend. 

Ich schaute mich um und fragte mich kurz, wer hier überhaupt etwas stehlen könnte, antwortete dann aber: »Kein Problem, ich habe Zeit.« 

Nun schaute er mich derart ungläubig an, dass ich lachen musste. Er nahm einen 50-Euro-Schein aus seiner Brieftasche, drückte ihn mir in die Hand und bestellte drei Flaschen Bier dazu. 

Nun schaute ich ungläubig: »Du hast viel Vertrauen«. Er habe noch nie jemanden getroffen, der Zeit habe. Er vertraue mir.

Nachdem ich die Bestellung und das Wechselgeld bei Andrés abgeliefert hatte, zog ich weiter. Dass es ein Geschenk ist, Zeit zu haben, ist mir mittlerweile bewusst. Und dass sich viele Menschen dieses Geschenk wünschen, auch. Nun fällt das Geschenk der Zeit ja nicht vom Himmel, es hat immer mit einem Verzicht auf etwas anderes zu tun. Dass ein Mensch Dinge weglässt, ob freiwillig oder unfreiwillig, ist aber kaum ein Grund, diesem zu vertrauen. Ich vermute, der Punkt liegt anderswo.

Auf etwas zu verzichten oder etwas loszulassen muss man üben. Im Gegensatz zum Festhalten ist das Loslassen nicht angeboren. Und der erste Schritt in diese Richtung ist oft das Loslassen von Nützlichkeitsüberlegungen. Wie oft am Tag tun wir etwas mit einer Um-Zu-Überlegung? Und wie oft vermuten wir das bei anderen? Und was macht das mit uns? Würden wir mehr Dinge um ihrer selbst Willen tun, wenn wir mehr Zeit hätten? War dies der Grund, weshalb mir Andrés ohne zu zögern seinen 50-Euro-Schein in die Hand drückte? 

Am nächsten Tag beschloss ich, meinen Blasen an den Füssen keine Schuhe mehr zuzumuten. Ich legte mich in den Schatten und begann, ein Buch zu lesen, das sich in die träge Sommerhitze hinein ausbreitete, als sei es dafür geschrieben worden: »Erzähl mir alles« von Elisabeth Strout. 

Da ich mich auf meine nächste schreibende Phase vorbereite, und gerne über das, was ich tun möchte lese, statt es zu tun, gesellten sich Bücher über das Schreiben und über das Erzählen dazu. So verbrachte ich die folgenden fast drei Wochen mit Elisabeth Strout, Elena Ferrante (»An den Rändern«) und Fritz Breithaupt (»Das narrative Gehirn«).

Elisabeth Strout ist eine stille Autorin. Ihre Bücher gehören deshalb zu meinen liebsten. Sie ist eine feine Beobachterin des einfachen Lebens. Strout schildert ihre Figuren in einer melancholischen Tiefe, in der man sich oft wiedererkennt und in die man deshalb immer tiefer eintauchen möchte. Sie erzählt das scheinbar Banale mit wohltuender Stille zwischen den Sätzen und gibt ihm so seine Bedeutung. 

»Erzähl mir alles« ist ein Roman, indem sich die Lebenswege verschiedener Menschen aus dem fiktiven Städtchen Crosby in Maine immer wieder kreuzen und ineinander verhaken. Wer Strouts Bücher kennt, ist mit Crosby und den meisten Figuren vertraut. Dennoch kann man diesen Roman lesen, ohne die anderen zu kennen.

Es geht um nicht gelebte Liebe, Familiengeheimnisse, menschliche Abgründe, einen möglichen Kriminalfall und über den Schatten, den die Pandemie bei vielen Menschen hinterlassen hat. Aber es ist nicht die Handlung, die diesen Roman trägt. Es sind die vielschichtigen Figuren. Im Mittelpunkt steht das Menschsein mit all seinen Widersprüchen.

»Bob hat ein grosses Herz, was ihm aber so nicht bewusst ist; wie so viele von uns kennt er sich weniger gut, als er meint, und er würde niemals glauben, dass es in seinem Leben Dinge gibt, die festhaltenswert wären; doch es gibt sie, bei uns allen gibt es sie.«

Elisabeth Strout, Erzähl mir alles, S.9.

Strout beschreibt nüchtern und gleichzeitig einfühlsam, wie die Welt ihrer Figuren still und leise aus dem Lot gerät. Sie schreibt über einsame Spaziergänge unter Freunden, die Wichtigkeit des Erzählens und über die Verzweiflung, wenn die eigene Welt mit den Jahren immer fremder wird. Strout verwebt das Leben ihrer Figuren sanft mit der Umgebung und schafft so eine Melancholie, die man lange in sich trägt. Und so ist es am Ende ein versöhnliches Buch über das Älterwerden.

»Man kann wohl sagen, dass die Menschen, die schon lange hier leben, diese Schönheit unbewusst in sich tragen; sie dringt in sie ein, ohne dass sie es merken. Aber sie ist da; sie ist Teil ihrer Lebenslandschaft.« 

Elisabeth Strout, Erzähl mir alles, S. 41. 

Die Stimmung in diesem Roman schwingt bis heute in mir nach und je länger ich darüber nachdenke, glaube ich, dass es mit dem Thema der Nützlichkeit zu tun hat. Die lineare Zeit spielt in Strouts Romanen kaum eine Rolle. Ihre Figuren wollen nichts erreichen, vielmehr geht es darum, sich an sich selbst zu gewöhnen.

Nicht zum ersten Mal beschleicht mich beim Lesen von Elisabeth Strouts Romanen der Wunsch, bei meinem Schreiben solche Schwingungen zu erzeugen. Aber eigentlich soll ich ja meine eigene Stimme finden.

Wie so oft fallen mir zur richtigen Zeit die passenden Bücher in die Hände. Das ebenso kleine wie gehaltvolle Büchlein von Elena Ferrante »An den Rändern« besteht aus vier überaus lesenswerten Essays, in welchen sie schildert, wie sie Leserin und Autorin geworden ist, was sie beim Schreiben umtreibt und was weibliches Schreiben bedeutet. An dieser Stelle möchte ich nur einen der zahlreichen Aspekte herausheben, die zum Nachdenken anregen: Sie räumt auf mit dem Mythos der eigenen Stimme:

»Was wir triumphierend für unser Eigenes halten, gehört tatsächlich anderen. (…) Verabschieden wir uns von der Vorstellung, dass Schreiben bedeute, auf wundersame Weise eine eigene Stimme, einen eigenen Tonfall freizusetzen (…). Schreiben bedeutet, sich in allem niederzulassen, was schon geschrieben wurde (…) und daraus, innerhalb der eigenen schwindelerregenden, übervollen Individualität, wiederum Literatur zu machen.«

Elena Ferrante, An den Rändern, S. 58.

Sich in dem niederlassen, was schon geschrieben wurde und weiterschreiben, ohne der eigenen Stimme hinterherzuschreiben. Diese Gedanken befreien mich ungemein. Nicht nur, weil sie mich zum hemmungslosen Weiterlesen motivieren, sie befreien mich weitgehend von Nützlichkeitsüberlegung das Schreiben betreffend.

Diese Gedanken reihen sich in das ein, was Fritz Breithaupt in seinem Buch »Das narrative Gehirn« beschreibt. Wer in Geschichten denkt, tut dies in Episoden mit Anfang, Mitte und Ende. Soweit so Aristoteles. Am Ende einer Episode wird das narrative Gehirn mit einer Emotion belohnt. 

Interessant ist die Mitte einer Episode. Dort weiß man nicht, wie es ausgeht und wenn doch, tut man als Leserin oder Leser wenigstens so als ob es nicht so wäre. Das lesende Ich weiss um diesen Genussmoment der verschiedenen Möglichkeiten, wie eine Geschichte ausgehen könnte.

Dieses Denken in Möglichkeiten unterscheidet das narrative Gehirn von unserem Gehirn im Alltagsmodus, das ständig Voraussagen trifft, um uns vor dem Säbelzahntiger oder sonstigen Gefahren zu schützen.

Das narrative Gehirn trifft keine schnellen Entscheidungen, es genießt, lässt sich in der Geschichte nieder und lebt mit den Figuren mit. So entsteht beim Lesen Intensität und Empathie. 

So ähnlich ist es doch beim Schreiben, denke ich gerade. Man lässt sich in so vielem, was man schon gelesen hat nieder, und die Welt ist voller Möglichkeiten. Und wenn ich mir erlaube, diesen Moment zu genießen, lösen sich Nützlichkeitsüberlegungen auf in der Zeit.

Wenn mein Mann und ich in Spanien sind, führen unsere morgendlichen Spaziergänge durch die Sanddünen zwischen Fluss und Meer. Eines Morgens fragten wir uns, ob wir das Bedürfnis hätten, etwas nachzuholen im Leben. Nach einem längeren Schweigen sagte mein Mann: »Wenn ich überhaupt ein Bedürfnis habe, etwas nachzuholen, dann ist es Unbekümmertheit.« 

Für einen Moment fühlte ich mich wie in einem Roman von Elisabeth Strout. Und ich spürte die Stille in diesem Satz. Vielleicht ist es genau das, was mir an der Stille so gefällt. Sie öffnet in mir einen leeren Raum, der gefüllt ist mit etwas, das allem Sinn gibt.

Elisabeth Strout, Erzähl mir alles, Luchterhand 2026

Elena Ferrante, An den Rändern, Suhrkamp 2026

Fritz Breithaupt, Das narrative Gehirn, Was unsere Neuronen erzählen, Suhrkamp 2022

Mut zur Stille; die Reise geht weiter

Viele Geschichten entstehen im Stillen. So geschehen ist dies auch mit meinem Buch »Mut zur Stille – einfach leben in einer lauten Welt«, das vor drei Monaten erschienen ist. 

Ich hatte mir lange überlegt, ob ich es veröffentlichen und dem Lärm der Welt aussetzen soll, weil das Buch neben Gedanken über die alltäglichen Verwirrungen des Lebens auch viel Persönliches enthält. Es ist ein ehrliches Buch.

Seither habe ich unzählige berührende Rückmeldungen erhalten. Daraus nur einige:

»Beim Lesen des Buches machte sich von Beginn an ein Frieden in mir breit.«

»Ich habe noch nie einer Autorin oder einem Autoren geschrieben, nachdem ich das Buch gelesen habe. Bei Dir ist es anders. Ich habe Dein Buch verschlungen. Es hat mich tief berührt. Ich habe beim Lesen jeder einzelnen Seite gedacht, dass Du über mein Leben schreibst. Ich fühle mich sehr verstanden.«

»Es ist ein wunderbares Buch, voller Weisheiten und mit den zahlreichen Zitaten enorm inspirativ.«

»Dieses Buch konnte ich nicht einfach so verschlingen. Ich wollte Seite für Seite genießen. Es ist ein liebes Buch. Es ist ein tiefsinniges Buch und trotzdem der erfrischendste Keinratgeber, den ich je gelesen habe. Die Autorin ist eine feine Beobachterin, wertet nicht und drückt einem nicht „ so ist es richtig“ auf.«

Damit hatte ich nicht gerechnet. Dass meine Gedanken so viele Menschen berühren könnten. All diese wunderbaren Rückmeldungen machten mich vor allem eines: sehr sehr dankbar.

Viele Leserinnen und Leser merkten auch an, dass sie gerne weitergelesen hätten. Nachdem ich mich nun schon eine ganze Weile vertieft mit dem Schreiben beschäftige, durfte ich lernen, dass genau dies die große Frage des Schreibens ist: Wie schreibe ich, damit die Leserin und der Leser weiterlesen wollen?

Möglicherweise bin ich der Sache ja auf der Spur. Und nachdem ich den Rückmeldungen genau so viel Ehrlichkeit zugestehe, wie meinem Buch, sei soviel verraten: Es wird eine Fortsetzung geben.

In „Mut zur Stille“ konnte ich die nächste Etappe meiner Weiterreise klären. Die Stille, das Lesen und das Schreiben sind in den letzten Jahren zu meinem Anker im Leben geworden, und wenn es da draußen Menschen gibt, die daran teilhaben möchten, dann freut mich das sehr.

In meinem Blogformat »Stille Geschichten«, wurde es in der Schlussphase der Entstehung meines Buches sehr ruhig. Weil eben Geschichten in der Stille entstehen dürfen. Und irgendwann erzählt sind.

Ab Ende Juni wird es deshalb an dieser Stelle ein neues Blogformat geben. Für alle, die gerne in die Tiefe reisen, wird es alle ein bis zwei Monate einen »Bericht aus der Stille« geben. 

Dabei wird es um Gedanken und Zugänge zur Stille gehen, um das Leben, das im Viel zu Viel des Alltags im Dazwischen stattfindet und sich dort seinen Raum sucht. Und um Bücher, die mich gerade begleiten und inspirieren.

Ich freue mich auf alle, die mitlesen werden!

Ein wesentlicher Teil meiner eigenen Stille-Praxis findet in Form stiller Bewegungen statt. Das Buch „Mut zur Stille“ durfte im vergangenen Mai auch diesen Weg gehen, indem ich eine Idee, die ich schon lange in mir trug, umgesetzt habe.

Im Rahmen einer Hatha-Yoga-Themenwoche im Kur- und Gesundheitszentrum Friedborn im Südschwarzwald, durfte ich die Reise in meinem Buch in Yogastunden transformieren und dabei beobachten, wie so viele Menschen sich von dieser tiefgehenden Reise berühren liessen. Auch hierzu eine der vielen Rückmeldungen: „Danke für die bewegenden und belebenden Momente, die philosophischen Weisheiten, die mich weiter begleiten dürfen.“ Was für ein Geschenk!

Und zum Schluss noch dies: Am 30. Juli 2026 wird es eine erste Lesung von „Mut zur Stille“ in Wien geben. Ich freue mich riesig darauf.

Susanne von „Finde deine Spur“, Wien, hat den Entstehungsprozess des Buches miterlebt und ich bin sehr dankbar, dass sie den Raum bereitet, es weiter in die Welt zu tragen.

Danke fürs Mitreisen und Mitlesen!

Lesen bringt die Zeit zurück

In der Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erscheint jede Woche ein kurzes Interview mit Menschen aus dem Kulturbetrieb. Es geht dabei immer um die Frage, was sie lesen, hören und sehen. Eine Frage gefällt mir ganz besonders: «Welches Buch in Ihrem Regal werden Sie ganz bestimmt nicht lesen?»

Oft erzählen diese Bücher Geschichten. Die Reise nach Kuba, die nie gemacht wurde, die Coachingausbildung, die auch beim dritten Anlauf langweilte, oder der Klassiker, den man sich seit Jahren vornimmt und irgendwann feststellt, dass man seine Zeit vielleicht doch eher mit Dingen verbringen möchte, die einem wirklich interessieren. Ungelebte Leben, nicht umgesetzte Pläne, unerfüllte Träume oder enttäuschte Erwartungen können ein ganzes Bücherregal füllen.

Manchmal haben diese verlassenen Bücher aber auch einen ganz anderen Hintergrund: Es fehlt schlicht und einfach die Geduld, sich auf etwas einzulassen, weil das Buch doch etwas komplexer ist, als erwartet. 

Ich muss zugeben, dass sich in meinem Bücherregal in den letzten Jahren einige dieser Exemplare angesammelt haben.

In den vergangenen beiden Jahren habe ich mir viel Zeit genommen, um zu lesen. Davon hatte ich immer geträumt: Lesen, was ich will und wann ich will. Nicht nur im Urlaub. Einfach in ein Buch eintauchen, mich mitnehmen und verändern lassen, so wie früher. Meine große Überraschung war: Ich musste das Eintauchen neu lernen.

Dieser Umstand verstörte mich anfangs sehr. Doch dann fand ich Erklärungen. Ich stieß auf das Buch: »Schnelles Lesen, langsames Lesen« der Kognitions- und Literaturwissenschaftlerin Maryanne Wolf. 

Nachdem sie durch ihre Arbeiten nachweisen konnte, wie sehr sich unser Gehirn durch digitale Lesegewohnheiten verändert, stellte sie fest, dass genau dies auch für sie selbst galt.

Aufgrund der zunehmend zu lesenden Menge an Material für ihre Forschung las sie viele Zusammenfassungen und Online-Texte und nahm sich vor, später alles gründlicher zu lesen, was aber aus Zeitgründen nie stattfand. Diese schnelle Art zu lesen erfasste auch ihre privaten Lesegewohnheiten. Die gewohnte Bettlektüre wurde zudem schleichend durch die letzten E-Mails des Tages ersetzt. Ein Zustand, der vielen Menschen bekannt vorkommen dürfte.

Diese Veränderung wollte sie nicht hinnehmen und sie entschied sich für ein Selbstexperiment. Über längere Zeit beobachtete sie, wie sie jeden Tag während einer festgelegten Zeitspanne ein anspruchsvolles Buch las, das in jungen Jahren zu ihren Lieblingsbüchern zählte: »Das Glasperlenspiel« von Herrmann Hesse. 

Sie brachte es nicht fertig, den Text zu lesen. Der Stil schien ihr zu komplex und das Tempo der Handlung empfand sie als unerträglich. Ihr gewohntes digitales Lesetempo entsprach nicht dem Handlungstempo des Buches. Sie las oberflächlich und zu schnell, um die tieferen Ebenen zu erfassen. Dies zwang sie, zurückzugehen und denselben Satz mit zunehmender Frustration wieder und wieder zu lesen.

Erschüttert durch diese Erfahrung zwang sie sich, das Experiment weiterzuführen. Sie reduzierte die festgelegte Zeitspanne auf 20 Minuten. Nach zwei Wochen stellte sich schließlich eine Beruhigung ein und sie konnte sich wieder auf das Buch einlassen.

Die gute (oder je nachdem die schlechte) Nachricht ist, dass die Plastizität unseres Gehirns Anpassungen in beide Richtungen möglich macht. Ich kann dies bestätigen. Motiviert durch die Geschichte von Maryanne Wolf las ich im vergangenen Jahr den Zauberberg von Thomas Mann, den ich vor fünfunddreissig Jahren zum ersten Mal las. Die Geschichte inmitten der sich endlos ausdehnenden Zeit des Kurortes begleitete mich über viele Wochen und es schien mir, als würde ich ein mir bislang völlig unbekanntes Werk lesen. Nach einer ersten ungeduldigen Leidenszeit empfand ich die Lektüre aber als ausgesprochen heilsam. Der Zauberberg brachte mir die Zeit zurück. Und neue Erkenntnisse über das wiederholte Lesen von Büchern. 

Rolf Dobelli plädiert in seinem Buch über »Die Kunst des guten Lebens« dafür, weniger zu lesen, aber dafür doppelt. Er sei radikal selektiv. Ein Buch bekomme von ihm maximal eine Chance von 10 Minuten, dann entscheide er sich, ob er es lese oder nicht.

Da bin ich skeptisch. Ich habe schon oft ein verlassenes Buch aus meinem Bücherregal gefischt, das schon lange vor sich hinstaubte und festgestellt, dass erst jetzt der richtige Zeitpunkt war, es zu lesen.

Gute Bücher doppelt zu lesen, ist aber tatsächlich ein Gewinn. Aus meiner Sicht vielleicht nicht unbedingt sofort hintereinander, wie Dobelli es mit guten Gründen vorschlägt. Beim wiederholten Lesen innert kurzer Zeit bleibt mehr hängen. Das hat aus meiner Sicht auch damit zu tun, dass ich ein Buch beim zweiten Mal deutlich langsamer lese. Da ich ungefähr glaube zu wissen, was kommt, habe ich meine Ungeduld ein bisschen besser unter Kontrolle.

Meine Zauberberg-Erfahrung hat mir aber auch gezeigt, dass einiges dafür spricht, gute Bücher nach längerer Zeit nochmals zu lesen. Jedes Mal, wenn ich ein Buch neu lese, bin ich ein anderer Mensch, mit anderen Erinnerungen und Erfahrungen. Dies wiederum hinterlässt beim Lesen andere Spuren.

Das vertiefte Lesen hat aber nicht nur Auswirkungen auf unser Zeitempfinden und auf unsere Lesebiografie. Es geht noch viel weiter. 

Maryanne Wolf beschreibt in ihrem Buch sehr anschaulich, dass unser Gehirn genügend Zeit benötigt, Informationen zu verarbeiten. Gelingt dies, ermöglicht uns die vertiefte Lektüre, unsere Perspektive zu wechseln und uns auch in neue Situationen und in andere Menschen hineinzuversetzen. Spiegelneuronen scheinen auch beim Lesen eine faszinierende Rolle zu spielen.

Wir brauchen den Austausch, sei es mit anderen Menschen oder eben mit Büchern, um unsere Gedanken und uns selbst weiterzuentwickeln. Alleine sind wir einfach nicht besonders schlau. Dass diese Resonanz nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Büchern und vor allem mit Geschichten funktioniert, ist für introvertierte Menschen wie mich eine gute Nachricht.

Maryanne Wolf geht aber noch einen Schritt weiter. Komme uns die kognitive Geduld abhanden, führe dies zu unbeabsichtigtem Unwissen, Angst und Missverstehen, was zu aggressiven Formen von Intoleranz führen könne. Über die Folgen dieser Intoleranz können wir jeden Tag in den Zeitungen lesen.

Zudem weist sie auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: Vertieftes Lesen benötigt Hintergrundwissen, das wir uns weder aus fragmentierten Texten aus dem Internet noch aus den sozialen Medien erschließen können. Dieses Hintergrundwissen wiederum ist die Grundlage für Rückschlüsse, Schlussfolgerungen, analoge Gedanken und damit für kritisches Denken.

Es ist heute weitgehend unbestritten, dass uns die digitalen Kanäle nicht klüger machen. Sie können eine interessante Quelle sein, um sich ergänzendes Wissen zu erschließen, wenn man weiß, wie das geht. Was sie mit unserer Aufmerksamkeitsspanne anstellen, ist aber alles andere als harmlos und hinlänglich bekannt. 

Lassen wir uns mit zu vielen Informationen bombardieren, verlassen wir uns zudem auf jene, die uns wenig eigenes Denken abverlangen. Chat GPT ist das beste Beispiel. Er erzählt uns ganz gerne, was und wie wir zuvor bereits gedacht haben, und sei es auch der größte Mist.

Was dies alles für junge Menschen bedeutet, die in dieser beschleunigten und fragmentierten Welt aufwachsen, wird sich zeigen. Oft liest man, dass die Sorge, unsere Kinder könnten das Bücherlesen verlernen, eine Sorge der Bildungselite sei (wer das auch immer sein mag) oder noch schlimmer, man könne die Geräte ja einfach abstellen. 

Solche Aussagen machen mich gleichermaßen rat- und sprachlos. Meine Eltern besaßen in meiner Kindheit kein einziges Buch, außer die Bibel, die sie zur Hochzeit erhalten hatten. Die Prioritäten lagen in meinem Elternhaus woanders. Als ich Bücher entdeckte und damit auch die Möglichkeit, mich in ihnen zu verlieren, war dies für mich ein geheimer Zufluchtsort, den ich nicht missen möchte. Den Zugang dorthin wünsche ich jedem jungen Menschen von Herzen.

Der geheime Zufluchtsort ist geblieben. Allerdings brauche ich Papier in den Händen, um dabei zu sein, wenn ich lese. Auf dem Bildschirm scanne ich einen Text. Ich durchkämme ihn nach Stichwörtern, die mich interessieren, wobei ich manchmal vergesse, was dies eigentlich sein könnte. 

Querlesen gilt – zumindest im beruflichen Kontext – als eine wichtige Fähigkeit, sofern man sich tagtäglich mit Unmengen von Text herumschlagen muss. Auch ich habe diese Fähigkeit jahrelang kultiviert. Manchmal las ich, als ob ich auf der Flucht vor dem Denken wäre. Mit dem Ergebnis, dass ich das tiefe Lesen wieder lernen musste. Und irgendwie auch das Denken. Und das Querlesen habe ich leider noch immer nicht ganz zum Schweigen gebracht.

Tiefes Lesen erfordert Zeit. In die Schönheit eines Textes eintauchen können wir nur, wenn wir uns die Zeit zugestehen, darin zu verweilen. Dabei sollten wir uns auch vergegenwärtigen, wie sorgfältige Texte entstehen. Der italienische Schriftsteller Italo Calvino hat dies wie folgt beschrieben: 

»Genau wie für den Verse schreibenden Dichter liegt auch für den Prosaschriftsteller das Gelingen im geglückten verbalen Ausdruck, der sich manchmal durch jähe Inspirationen ergeben mag, in der Regel aber eine geduldige Suche nach dem mot juste erfordert, nach dem Satz, in dem kein Wort ersetzbar ist, nach der Zusammenstellung von Lauten und Begriffen, aus der sich die größte Wirkkraft und Bedeutungsdichte ergibt.«

Lese ich Bücher, bei welchen ich spüre, dass die Autorin oder der Autor in ebendieser Weise nach dem mot juste gesucht hat, dann finde ich, dass sie oder er ein Recht darauf hat, dass die Worte mit ebendieser Sorgfalt gelesen werden.

Über das Lesen schreibt Virginia Woolf in ihrem Essay, »Wie sollte man ein Buch lesen?« folgendes:

»Der erste Vorgang, Eindrücke mit äußerstem Verständnis aufzunehmen, ist beim Lesen nur der halbe Vorgang, er muss durch einen weiteren vervollständigt werden, wenn wir an einem Buch das volle Vergnügen haben wollen. Wir müssen ein Urteil über die zahlreichen Eindrücke fällen; wir müssen aus diesen flüchtigen Formen eine machen, die fest und dauerhaft ist. Aber nicht direkt. Warten Sie, bis sich der Staub des Lesens gelegt hat, bis der Konflikt und die Fragen abgeklungen sind, gehen Sie, reden Sie, zupfen Sie die toten Blütenblätter von einer Rose oder schlafen Sie ein. Und auf einmal, ohne unser Wollen, denn so nimmt die Natur solche Wandlungen vor, wird das Buch wiederkehren, allerdings anders. Es wird das Denken als Ganzes bestimmen.«

Wer in das Eintauchen weiter eintauchen möchte, dem sei ein verlassenes Buch aus dem eigenen Bücherregal oder folgende Werke zur vertieften Lektüre empfohlen:

Italo Calvino, sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend, S. Fischer 2022 (Erstveröffentlichung 1988) (Zitat: S. 66)

Maryanne Wolf, Schnelles Lesen, langsames Lesen, Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen, Penguin 2018 

Virginia Woolf, Wie sollte man ein Buch lesen?, Kampa Pocket 2024 (Erstveröffentlichung 1926) (Zitat: S. 43f.)

Der rosa Elefant, der dein Leben nicht verändert

Ich lese gerne Zeitung, schon immer. In den letzten Monaten wurde es mir dann aber doch zu viel. Zu viel Krieg, zu viel Wahlkampf, zu viele Autos, die in Menschenmengen fahren und zu viele Politiker (die Formulierung ist bewusst gewählt), die mit den Grundregeln respektvollen Verhaltens nicht vertraut sind.

Mit diesem Nachrichtenverdruss bin ich ja nicht allein. Eine Freundin sagte kürzlich zu mir: „Ich schaue keine Nachrichten, nur Netflix. Ich bin glücklich.“ Ich freue mich für sie, glaube ihr kein Wort und verwerfe dieses Konzept für mich. Gleichwohl umtreibt mich die Frage, wie ich mit dem unerfreulichen und beängstigenden Weltgeschehen umgehen kann, ohne dabei mich und mein Umfeld mit meinen Angstreflexen aufzuscheuchen oder ständig wütend zu sein.

Ich glaube nun – zumindest für den Moment – eine Lösung gefunden zu haben. Ich habe aufgehört, positiv zu denken. Und nein, das Gefühl, das sich seither mehr und mehr in mir ausbreitet ist nicht Resignation. Ganz im Gegenteil: Ich bin oft überraschend gut gelaunt.

Das kam so: Will man herausfinden, was in der Welt schief läuft, lohnt sich der Gang in eine Buchhandlung. Bereits in der Auslage beim Eingang wird man von einer breiten Auswahl an Selbsthilferatgebern empfangen, die einem unmissverständlich klar machen, dass man jetzt sein Leben ändern muss, um glücklich zu werden. Und dass man alles erreichen kann, wenn man denn nur will. Dies am besten in sieben Schritten, zwölf Stufen, 30 Tagen oder – unserer aufgeregten Zeit angemessen – in 30 Sekunden. 

Manchmal geht es noch einfacher und die Bücher versprechen einem, dass sie das eigene Leben gleich selbst verändern. Wie praktisch. Nur glaube ich es nicht. Dass die Wahrheit der Absicht nur die Tat selbst ist, hat uns Hegel schon beigebracht. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ich das eine Buch, das mein Leben verändert, selber schreiben muss (Für alle, die ab und zu mal nachfragen: Es ist noch in Arbeit und der Entstehungsprozess hat mit dem zu tun, was nun folgt.).

Ich glaube auch nicht, dass der Wille allein das geeignete Instrument ist, um alles zu erreichen, was man möchte. Ich mache mein Glück lieber nicht von meinem Willen abhängig, weil ich daran zweifle, dass unser Einfluss auf den Kosmos und damit auf unser eigenes Leben so gross ist, wie wir es gerne glauben.

Weshalb soll man überhaupt sein Leben ändern und glücklicher werden? Ich fürchte, der ganzen Sache liegt ein Irrtum zugrunde. Das ist zumindest meine Erfahrung und ich freue mich für alle, die sie nicht teilen.

Will ich mich selbst glücklich machen, ist das auf wundersame Weise der erste Schritt, unglücklich zu werden. Ein sehr triviales Beispiel: Immer wieder überrollt mich in meinem Leben die Idee, dass ich mit ein paar Kilos weniger ein glücklicherer Mensch wäre (Das dem wirklich so ist, bezeugt der Umstand, dass ich auch immer wieder darüber schreibe). Ich nehme mir vor, mich von den drei Kilos, die zwischen mir und meinem vermeintlichen Glück stehen, zu trennen. Genau das ist der Moment, an dem Schokolade eine sehr grosse Präsenz in meinem Tagesverlauf einnimmt. Ich brauche meist Wochen, bis sich das wieder normalisiert. Im Grunde ist es ganz einfach und hinlänglich bekannt: Denken Sie die nächsten 15 Sekunden nicht an einen rosa Elefanten. Geklappt? Nein, natürlich nicht.

Mit dieser Reaktion unseres Gehirns macht die Glücksindustrie gute Geschäfte: „Diese eine Sache / der Gedanke / die Hautcrème / das Nahrungsergänzungsmittel oder eben das Buch (die Liste ist beliebig verlängerbar), die dein Leben für immer verändert.“ Dahinter verbirgt sich letztlich die Suche nach dem dauerhaften Glück, die meistens in Richtung Unglück führt und damit das System am Laufen hält. Hinter dem Wunsch nach dauerhaftem Glück steht ja letztlich das urmenschliche Bedürfnis nach Sicherheit. Und das kann man drehen und wenden wie man will: Sicherheit ist einfach nicht zu haben.

Genau das ist der Grund, weshalb ich der Sache mit dem positiven Denken nicht mehr traue, mal abgesehen davon, dass mich der damit zwangsläufig verbundene Optimismus etwas ermüdet. Noch genauer sind es zwei Gründe, die beide mit unserem Sicherheitsdenken zu tun haben:

1. Das positive Denken ist auf ein Ziel ausgerichtet

Planen war bis vor nicht allzu langer Zeit eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ich machte Trainingspläne, Schreibpläne, Ernährungspläne, Pläne für die noch bessere Morgenroutine und was der Kosmos der Selbstoptimierung sonst noch alles so hergibt. Ich setzte mir Jahresziele, Monatsziele, Tagesziele. Irgendwann wurde zumindest meinem Körper klar, dass mir das Ganze – ausser einer schleichenden Erschöpfung – nicht sehr viel bringt.

Es mag gute Gründe für Ziele geben. Ziele motivieren, so das Versprechen, des „So entfaltest Du Dein volles Potential“-Universums. Vielleicht lohnt sich hier ein Perspektivenwechsel. Man könnte auch mal die Motivation, sich Ziele zu setzen, hinterfragen.

Für mich kann ich das klar beantworten. Ich setze mir immer dann Ziele, wenn mich die Unsicherheit, mit der die Zukunft zwangsläufig einher geht, beunruhigt. Wenn mir meine berufliche Zukunft Sorgen bereitete, dann machte ich eine neue Aus- oder Weiterbildung. Neben meinem aktuellen Job. Beunruhigte mich die Aussicht, mich irgendwann nicht mehr so kraftvoll und beweglich zu fühlen, stellte ich mir ein neues ausgefeiltes Trainingsprogramm zusammen. Beides erschöpfte mich jeweils, weil ich vor lauter Zielbesessenheit ausblendete, dass der Tag nur 24 Stunden hat und mir die Freude an dem, was ich tat, auf dem Weg verloren ging. Rückblickend musste ich für mich feststellen: Ziele verursachen Stress. Besonders seltsam ist deshalb auch das Ziel, den Stress zu reduzieren.

Eindrücklich war für mich in dieser Beziehung der letzte Jahreswechsel, den ich ganz anders beging, als die Jahre davor. Bisher hatte ich in dieser Zeit immer Rückschau gehalten und Pläne fürs neue Jahr gemacht (heute Visionboard genannt). Die Rauhnächte habe ich mit dem Ritual der 13 Wünschen für das neue Jahr verbracht und war jedesmal froh, wenn der übriggebliebene Wunsch, den ich nicht dem Universum überlassen konnte, einer war, der sich auch ohne mein grösseres Zutun höchstwahrscheinlich erfüllen würde. Dieses Mal liess ich mich (ungeplant!) einfach zwischen die Jahre fallen und freute mich, dass ich weitgehend unbeschadet durch das zu Ende gehende Jahr gekommen war. Mein Potential hatte ich vielleicht nicht vollständig entfaltet. Vielleicht war da aber auch gar nichts (mehr) zum Entfalten und es ist einfach gut wie es ist? Netter Gedanke. 

2. Das positive Denken füttert unser Ego

Richtet man seine Aufmerksamkeit nach Innen, so findet man in der Regel Gedanken, Gefühle und Emotionen. Manche behaupten auch, dass es dort ein „Ich“ zu finden gibt. Aber das möchte ich an dieser Stelle nicht vertiefen. Unbestritten dürfte sein, dass in all unseren Köpfen eine Stimme zu finden ist, die in Dauerschleife plappert. Und das ist ja nicht etwas, das wir tun, es geschieht einfach (ich weiss, René Descartes sah das etwas anders). 

Problematisch wird diese Stimme dann, wenn wir uns mit ihr identifizieren. Ab diesem Moment fällt es schwer, unseren Verstand zu benutzen, er benutzt dann eher uns: Das Ego beginnt sein Eigenleben. Anschauungsmaterial liefert die Zeitungslektüre (und im ungünstigen Fall auch das eigene Verhalten danach) in jeglicher Ausprägung.

Es gibt zwei Dinge, die das Ego mag: unsere Unzufriedenheit und damit jeglichen Widerstand gegen das, was gerade geschieht. Und es mag unser Unvermögen, mit Unsicherheit umzugehen. Zukunftspläne sind also ein Grundnahrungsmittel für unser Ego. 

Aber genau das ist der Witz beim positiven Denken: man soll sich ja mit den eigenen Gedanken identifizieren und beispielsweise den gewünschten Erfolg visualisieren. In der Tat führt die positive Visualisierung von Erfolg zur Entspannung, weil das Gehirn glaubt, ihn schon erreicht zu haben. Persönlich finde ich das kein nachhaltiges Konzept, obwohl ich mich gerne entspannt fühle.

Zielführender (!) scheint es mir zu sein, die eigenen Gedanken zu beobachten. Sie verlieren so ihre Macht und es wird auf wundersame Weise ruhiger im eigenen System. Unsere Gedanken und Emotionen sind letztlich wie das Wetter. Man muss mit ihnen leben, aber man muss nicht gleich das ganze Leben nach ihnen ausrichten.

In der buddhistischen Welt habe ich etwas ganz Wertvolles gelernt: wenn wir Sicherheit wollen, müssen wir die Unsicherheit radikal akzeptieren. Ich glaube, dass wir lernen müssen, in der Ungewissheit zu ruhen oder sie zumindest zu ertragen. Man kann auch noch einen Schritt weiter gehen. Stellen wir uns der Ungewissheit, öffnen wir uns in gewisser Weise auch für die Magie des Lebens.

Man kann das auch üben. Ich tue das in der Meditation, oder bei anderen stillen Dingen (nein, nicht Tätigkeiten). Bei der Meditation geht es ja nicht darum, das Geplapper im Kopf abzustellen. Vielmehr geht es darum, dass man aufhört, ständig alles in Ordnung bringen zu wollen. Meditation ist für mich ein Weg, mit dem Davonlaufen aufzuhören. Einfach still sitzen und beobachten, wie Gedanken, Gefühle, Wünsche und Abneigungen kommen und gehen. Es hilft, die Suche nach der Lösung aller Probleme loszulassen und gleichzeitig bewahrt es davor, in der Resignation zu versinken.

Das positive Denken mag seine guten Seiten haben, aber es nicht zu tun, hat nach meiner Erfahrung auch einen positiven Effekt. Geben wir die Illusion der Sicherheit auf, bringt das etwas Ruhe in unser aufgeregtes Leben. Das Einzige, was wir letztlich kontrollieren können, sind unsere Urteile über unsere Umstände. Das ist ein ganz alter Gedanke der Stoiker. Und ich finde, er hilft enorm bei der Zeitungslektüre. Mir hilft es deshalb, ab und zu meine Gedanken zu beobachten, wenn ich mich mit dem alltäglichen Weltuntergang in den Medien beschäftige. Ich werde deutlich ruhiger.

Und dennoch: Manchmal macht mich das Weltgeschehen einfach nur fassungslos und unglaublich wütend. Ich habe noch kein Mittel gefunden, mit Respektlosigkeit umzugehen. Aber vielleicht ist das auch gut so.

Wer diese Gedanken vertiefen möchte, dem seien Marc Aurel, Seneca und/oder die folgenden Bücher empfohlen:

Oliver Burkeman: Das Glück ist mit den Realisten, 2023

Stefan Frädrich: Warum Ziele Quatsch sind, und wie wir sie trotzdem erreichen, 2022

Leander Greitemann: Unfollow your Dreams: Leben, Ziele, Sinn und Erfolg neu denken, 2023

Eckhart Tolle: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart, 2010

Einfach leben

Das spanische Häuschen muss dringend renoviert werden, und zwar derart, dass wir vorübergehend ausziehen müssen. Bekanntlich weiss man die Dinge des Alltags wieder so richtig zu schätzen, wenn sie einem – und sei es nur kurzfristig – abhanden kommen. 

Ich habe das spanische Häuschen immer sehr geschätzt, aber wie sehr, wird mir erst jetzt bewusst. Ich wohne gerade in der Parallelstrasse in einer Unterkunft, deren liebloser touristischer Vermietungscharme mein ästhetisches Wohlbefinden strapaziert und mich aus jeglichem Takt bringt. Auch aus meinem Schreibtakt. Aber wenn ich schon nicht schreibe, habe ich Zeit für andere Dinge.

Manchmal klettere ich auf das Hausdach. Von hier aus kann ich unser Häuschen immerhin noch sehen. Und habe Heimweh. Ich vermisse Mike, den Vogel aus unserer Nachbarschaft, der zuverlässig zur Apérozeit die Titelmelodie von Star Wars pfeift (wer mehr über Mike wissen möchte, kann hier weiterlesen). Von hier aus kann ich Mike nur bei idealer Windlage und nur ganz leise hören. Dafür wohnt nebenan Ron, ein grosser brauner Mischlingshund, der fast den ganzen Tag allein gelassen wird und herzzerreissend jault. Oder er macht Geräusche wie ein Schimpanse, so eine Mischung zwischen Grunzen, Rufen, Kreischen und Wimmern. Bei Ron ist den ganzen Tag Apérozeit.

Mindestens einmal am Tag laufe ich zur Baustelle, um abzuschätzen, wann wir wieder einziehen können. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich dort meinen spanischen Nachbarn treffe und mich mit ihm unterhalten kann. Das tue ich natürlich auch sonst, aber gerade jetzt etwas häufiger, da auch er renoviert. Kürzlich fuhr er mir mit einem kleinen Gabelstapler entgegen und fragte mich gut gelaunt, ob ich etwas bräuchte, er könnte es – was es auch immer sei – gerade anliefern. Ich lehnte dankend ab, versicherte ihm aber, dass ihm der Gabelstapler richtig gut stehe. Er strahlte mich aus seiner tiefsten Kinderseele zustimmend an. 

Baumassnahmen haben eine grundsätzlich verstörende Wirkung auf einen ansonsten friedlichen Alltag. Neben der gemeinsamen Mauer und der Abstimmung der gegenseitigen Lärmemissionen sind sie aber ein guter Anlass, über das Leben zu philosophieren. Mein spanischer Nachbar verabschiedet sich gerade aus einem offenkundig umtriebigen Berufsleben, indem er die gesamte Region mit Baumaterialien versorgt hatte. Dennoch – oder gerade deshalb – strahlt er eine Bescheidenheit und Zufriedenheit aus, die mich immer wieder einnimmt. 

Kürzlich sassen wir bei einem Kaffee in der kleinen Dorfbäckerei, die seit vielen Generationen von derselben Familie geführt wird. Mit grosser Hingabe und Zukunftshoffnung eröffnen die beiden jungen Brüder immer grössere Geschäfte in der Gegend. Mit einem milden Lächeln meinte mein spanischer Nachbar dazu: „Sie sind noch jung, da hat man noch Träume und Energie. Für mich reichen pan, agua y sal, y està.“ Er sprach mir aus dem Herzen. Besser kann man ein einfaches Leben nicht beschreiben.

Den Wunsch nach einem einfach Leben hatte ich schon immer. Als Kind träumte ich oft davon, meinen kleinen Besitz in einen einzigen Koffer zu packen und in meinem Leben nie mehr Dinge anzuhäufen, als in den Koffer passen würden. Das ist mir nicht ganz gelungen, wie mir mein letzter Umzug vor Augen führte. Losgelassen hat mich dieser Traum aber nie und in den letzten Jahren wurde er laut. Irgendetwas war geschehen, aber was?

Meine Lesewege haben mich in den vergangenen Monaten durch zahlreiche Bücher über die Lebensmitte und Lebensübergänge geführt. Die beruhigende Erkenntnis vorweg: es ist keine Schwermut, sondern der ganz normale Lauf der Dinge, sich an einem Punkt im Leben, indem sich schon einiges an gelebtem Leben angesammelt hat, zu fragen, ob das Leben, das man führt, noch immer zu einem passt. Die eigene Endlichkeit macht sich bemerkbar.

Verändert sich jenseits der Lebensmitte die Grundstimmung deshalb, weil man sich seiner Endlichkeit bewusst wird und die Vorstellung des eigenen Todes etwas sehr Verstörendes an sich hat? Ich habe wenig klare Erinnerungen an meine Kindheit, zumal man ja ohnehin nie so genau weiss, was bzw. welche Version man als Erinnerung abgespeichert hat (hier mehr dazu, weshalb man Erinnerungen gegenüber grundsätzlich misstrauisch sein sollte). Sehr genau kann ich mich (neben dem Koffer) aber an Folgendes erinnern: Ich lag im Bett meines Kinderzimmers, es war kurz vor dem Einschlafen und wie aus dem Nichts wurde mir plötzlich klar, dass ich irgendwann nicht mehr sein würde. Ich sah etwas vor mir, das aussah wie das Universum mit unendlich vielen Sternen und gleichzeitig fühlte ich, wie ich mich in diesem Universum auflöste. Es fühlte sich aber alles andere als angenehm an, eher so, als hätte ich einen Dementoren gestreift (und das war sehr lange Zeit vor Harry Potter).

Heute ist es nicht so sehr der Gedanke an den Tod der mich verstört, sondern eher der Gedanke an das Sterben an sich. Aber auch das scheint eine gängige Gefühlslage in einem Alter zu sein, in dem man leider immer öfter mit dem Sterben im Familien- und Bekanntenkreis konfrontiert wird. An dieser gängigen Gefühlslage erfreut sich auch die boomende Langlebigkeitsforschung und -industrie. Deren Erkenntnisse und Produkte basieren in den meisten Fällen auf der Forschung an Ratten und Mäusen, aber wenn es um die eigene Endlichkeit geht, scheint man da grosszügiger zu sein mit dem Glauben an die Wirksamkeit. 

Gleichzeitig wird mit etwas gelebtem Leben im Rucksack aber klar, dass der Tod alternativlos ist. Das sagt zumindest bisher auch die aktuelle Langlebigkeitsforschung. Wer sich mit dem Gedanken der Unsterblichkeit einmal intensiv befassen möchte, dem sei der Roman „Alle Menschen sind sterblich“ von Simone de Beauvoir empfohlen. Es ist die Geschichte von Raymond Fosca, der im späten Mittelalter unbedacht ein Elixier trank, das ihn unsterblich machte. Seither streift er durch die Jahrhunderte, belastet mit einem Fluch, der nie enden wird. Wenn man die Geschichte des zunehmend einsamen, verlorenen und frustrierten Mannes über fast 500 Seiten hinweg verfolgt, ist die Vorstellung eines unsterblichen Lebens irgendwann nur noch leer, ermüdend und gruselig.  

Die Endlichkeit unseres Lebens bringt das Gefühl einer gewissen Dringlichkeit mit sich. Das Leben ist bekanntlich kurz. Im Durchschnitt dauert es 4000 Wochen oder 1.5 Milliarden Herzschläge. Letzteres gilt für die meisten Lebewesen. Das Herz eines Eichhörnchens schlägt einfach etwas schneller als dasjenige eines Blauwals. Dass die gefühlte Dringlichkeit mitunter auch dazu führt, dass wir uns von den für uns wichtigen Dingen unbewusst drücken, indem wir uns mit Unwichtigem beschäftigen, darüber habe ich andernorts bereits geschrieben. Auch geht die Dringlichkeit irgendwann mit der Erkenntnis einher, einfach nicht alles haben zu können. Persönlich finde ich das tröstlich. Jede Entscheidung für etwas und damit gegen etwas anderes entlastet.

Mittlerweile denke ich aber, der eigentliche Punkt, der zumindest mich umtreibt war und ist ein ganz anderer. Nämlich die Frage, wie ich mein Leben lebe. Mache ich wirklich, was mir wichtig ist oder werde ich irgendwie um mein Leben betrogen? Betrüge ich mich selber? Sich diesen Fragen zu stellen, ist mitunter ein jahrelanger Prozess und von zahlreichen inneren „dafür habe ich keine Zeit“ und „das geht nicht weil…“ -Dialogen begleitet. Und oft weiss man gar nicht so genau, was einem wirklich wichtig ist. Sowas formt sich ja nicht allein im Kopf. Ob der Buchladen von dem man insgeheim träumt, das Engagement in einem Krankenhaus in einem fernen Land, die Arbeit in einem Tierheim, das Schreiben, das Malen, oder welcher tiefe Wunsch auch immer in einem schlummert, das Richtige sein wird, das muss man erfahren. Man kann es nicht wissen. Aber man kann sich herantasten.

Meiner Erfahrung nach lösen sich langanhaltende Wünsche nicht in Luft auf, wenn man sich ihnen nicht zumindest nähert. Und der Umstand, sterblich zu sein, ist eine grossartige Chance herauszufinden, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Dabei ist es ziemlich unerheblich, was im Leben noch möglich sein soll. Es ist die einfache Alltäglichkeit, die ein Leben zu einem erfüllten Leben macht. Deshalb kann ich dem Konzept von „pan, agua y sal, y està“ nichts mehr hinzufügen.

Wer sich weiter in die Tiefen der Lebensmitte und darüber hinaus begeben möchte, dem seien die folgenden Werke empfohlen:

  • Barbara Bleisch, Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre, Hanser Verlag, 2024
  • Miranda July, Auf allen vieren, Kiepenheuer & Witsch, 2024
  • Katja Oskamp, Marzahn, von amour: Geschichten einer Fusspflegerin, Hanser Verlag 2019
  • Simone de Beauvoir, Alle Menschen sind sterblich, Rowohlt Taschenbuch 1975

Neu bei Silentmoves: Yogageschichten

In den Sommermonaten machten die Stillen Geschichten Pause. Bevor es nun im Herbst wieder weitergeht, möchte ich Dir erzählen, was in dieser Zeit entstanden ist. Silentmoves wäre ja nicht Silentmoves, wenn sich nicht doch etwas bewegen würde.

Seit Juni 2024 erscheinen auf der Yogaplattform hillyoga.de die Yogageschichten. Es sind Geschichten aus der weiten Yogawelt. Weil ich tief davon überzeugt bin, dass Yoga immer und in erster Linie eine Auseinandersetzung mit dem Leben ist, sind es Geschichten, die meistens ausserhalb der Yogamatte stattfinden. Vielleicht sind sie also auch interessant für Dich – und vielleicht gerade dann – wenn Du bisher einen grossen Bogen um Yogamatten gemacht hast.

In den Yogageschichten kannst Du zum Beispiel lesen,

  • weshalb mit einem warmen Porridge am Morgen das Wollen immer kleiner und die Welt immer grösser werden kann,
  • was die innere Stimme mit einer Schneeflocke zu tun hat,
  • weshalb wir von Schildkröten gerade in Zeiten des Übergangs viel lernen können,
  • dass die Verbindung mit dem eigenen Herzen erst einmal in eine Schlangengrube führt.

Neugierig? Dann komm und schau vorbei.

In die Zeit fallen

Kürzlich sass ich am frühen Abend in meiner Lieblingsstrandbar und schaute aufs Meer hinaus. Es war diese für mich magische Tageszeit, in der die milder werdende Sonne die Landschaft in ein ebenso klares wie sanftes Licht taucht. Ich beobachtete die Seeschwalben, wie sie über dem Meer kreisten und sich in einem scheinbar unerwarteten Moment wie ein Pfeil ins Meer stürzten. Eine äusserst beeindruckende Angeltechnik. 

Dieser rasante Sturzflug der Seeschwalben ist für mich ein schönes Bild für den richtigen Augenblick. Diesen habe ich beim Fotografieren leider nicht erwischt, deshalb ist die Seeschwalbe noch in der Luft. So oft im Leben wünschen wir uns dieses Gespür für den richtigen Moment. Bloss wie finden wir ihn, zwischen planen, warten, überlegen, abwägen und…. vorbei ist er.

Vielleicht können uns hier die griechischen Götter der Zeit weiterhelfen, Chronos und Kairos.

Chronos kennen wir alle bestens, spätestens beim Blick in die Agenda. Er zählt die Stunden und bringt damit Ordnung und Struktur in die Welt, aber auch das Muster der ewigen Wiederholung des Gleichen. Chronos sorgt für Kontinuität, lässt uns unser Leben organisieren, Verabredungen treffen, Terminkalender führen und wenn er sehr präsent ist, lässt er uns Checklisten abarbeitend durch den Tag hetzen. Chronos wird meistens als älterer Mann mit langem Bart und einer Sanduhr in der Hand dargestellt, die für die unumkehrbar verrinnende Zeit steht, die wir nicht mehr zu haben meinen und die sich so oft leer anfühlt.

Kairos ist der jüngste und rebellischste Enkel des Chronos. Er sorgt für ein anderes Zeitempfinden, das sich wohltuender, voller und weiter anfühlt. Kairos besitzt die Fähigkeit, Veränderung und Einsicht herbeizuführen und kommt als junger, starker und muskulöser Gott daher. Er verfügt über zwei bemerkenswerte Accessoires; er hält er eine Waage in der Hand, die das sorgfältige Abwägen des günstigen Augenblicks, die richtigen Argumente und das richtige Mass symbolisiert. Zudem trägt er eine eigenwillige Frisur. Sein Kopf ist bis auf eine riesige Locke kahl rasiert. Diese gilt es im richtigen Moment zu packen, so wie die Seeschwalbe im besten Falle den Fisch.

Kairos steht für das Ergreifen der guten Gelegenheit, die sich einem dank Konzentration, Wachsamkeit und lebenskluger Wahrnehmung eröffnen kann. Eigentlich war Kairos eine Strategie, um sich von Chronos zu befreien. Die Menschen erkannten schon früh, das Chronos weder der Veränderlichkeit der Welt noch dem subjektiven Zeitempfinden gerecht werden konnte. Kairos steht in gewisser Weise für den gelebten Moment, der nur durch Aufmerksamkeit entstehen kann. In unserem meist gut durchorganisierten Leben geht Kairos gerne vergessen. Das ist nicht ungewöhnlich und spiegelt in gewissem Masse auch die Geschichte wieder. Bis zur Aufklärung war Kairos recht präsent. Dann verschoben sich die Welten des Nicht-Wissens und des Wissens und es sollte bis ins 20. Jahrhundert hinein dauern, bis Philosophen wie Friedrich Nietzsche, Ernst Bloch, Hannah Arendt, Henry Bergson und Martin Heidegger Kairos wieder zum Leben erweckten, teilweise auch ohne ihn beim Namen zu nennen. Martin Heidegger nannte den Kairos-Moment beispielsweise das „Anfängliche“, die Zeit, die uns neue Möglichkeiten eröffnet. Gemäss Henri Bergson wird die Zeit nur dann erlebt, wenn der Mensch es wagt, zur Ruhe zu kommen, seine Aufmerksamkeit zu fokussieren, sich von seiner Intuition leiten zu lassen und eine Haltung der interesselosen Betrachtung einzunehmen.

In unserem Leben brauchen wir beide, Chronos um unser Leben auf die Reihe zu kriegen und Kairos um nicht zu vergessen, wie sich Leben anfühlt. Kairos kann unser Denken und Fühlen über die Zeit ausserordentlich bereichern. Er kann uns daran erinnern, dass wir uns regelmässig einen Unterbruch in unserem chronos-geprägten Tun verschaffen sollten. Dass unser Gehirn ab und zu Ruhe braucht, wissen wir spätestens dann, wenn wir wieder einmal Urlaub machen und es schaffen, uns angemessen von unserem Mail-Account zu entfernen. Es fühlt sich grossartig an. Vor einigen Jahren habe ich mit einigem Unbehagen festgestellt, dass ich kaum mehr in der Lage bin, längere Texte konzentriert zu lesen. Vertiefte Lektüre in digitaler Form war mir nahezu unmöglich. Ich sprang von Schlagzeile zu Schlagzeile, las den Anfang und das Ende des Textes und schon war ich beim nächsten Artikel. Wenn ich das Tablet weglegte, fühlte ich mich zerstückelt und fahrig. Aber es war nicht nur das Lesen am Bildschirm. Auch bei Büchern stellte ich fest, dass mein Lesetempo oft nicht mehr dem Handlungstempo des Buches entsprach. Dies änderte sich auf wundersame Weise, als ich mein Tablet im Urlaub zum ersten Mal zu Hause liess und mein Handgepäckgewicht wieder mit Büchern strapazierte. Meine Augen sind mittlerweile in einem Alter, dass sie nicht mehr in der Lage sind, lange Texte auf dem Smartphone zu lesen, ich konnte also nicht ausweichen. Es war ein neues Lebensgefühl. So einfach, aber man muss es halt tun. Ich bin noch immer nicht die tieftauchende Leserin, die ich mal war, was ich aber in jedem Falle wiedergewonnen habe, ist die Freude am zeitvergessenen Lesen.

Dass solche kairotischen Verhaltensänderungen nicht nur schön, sondern auch notwendig sind, lässt sich wohl auch neurowissenschaftlich belegen. Bestimmte Bereiche unseres Gehirns sind immer dann aktiv, wenn gerade keine Aufmerksamkeit gefordert ist. Dies betrifft auch Bereiche, die daran beteiligt sind, wenn wir uns in andere hineinversetzen, wenn wir versuchen, uns ihre Reaktionen auf unser Verhalten vorzustellen und überhaupt, wenn es um ein moralisches oder einfach nur anständiges Miteinander geht, was mir in unseren oft emotional aufgeladenen Zeiten unverzichtbar erscheint. Die ständige Aufmerksamkeit, die uns die digitale Welt abverlangt, führt offenbar auch dazu, dass uns mit der Zeit die Fähigkeit verloren gehen kann, uns emphatisch zu verhalten. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Forschungsergebnisse jeweils den gegenwärtigen Stand des Irrtums abbilden und es zweifellos auch Studien gibt die sagen, dass es gar nicht so schlimm ist, tun wir immer wieder gut daran, uns bewusst zu machen, dass die Wirklichkeit nicht auf dem Bildschirm stattfindet.

Wenn gerade keine Aufmerksamkeit gefordert ist, passieren nämlich noch andere schöne Dinge; wir werden kreativ. Wir brauchen diesen Müssiggang, aber nicht, um danach wieder effizienter zu werden oder einen Beststeller zu schreiben, der uns reich macht. Die Achtsamkeitsindustrie lebt sehr gut von dieser Denkart. Wir brauchen den Müssiggang, der aus einer inneren Motivation und im besten Falle aus einer inneren Haltung herauskommt, die sich Freude nennt. Dann kann Schönes entstehen. Ganz ähnlich ist es auch bei der Meditation, die eine neugierige Haltung voraussetzt und eine (spirituelle) Motivation, die über die eignen Interessen hinausreicht. Wenn beispielsweise Unternehmen ihre Mitarbeitenden in Achtsamkeits- und Meditationskurse schicken, um sie leistungsfähig zu halten und damit einen Beitrag zu ihrer „Führungskultur“ zu leisten, dann sind wir irgendwo falsch abgebogen und in den Tunnel der Selbstoptimierung hineingefahren. Der Soziologe Hartmut Rosa nennt sowas den „rasenden Stillstand“. Damit ist eigentlich alles gesagt.

Was können wir also von Kairos lernen? Um es vorweg zu nehmen: Ich habe keine abschliessende Antwort darauf, aber die Erfahrung, dass die Beschäftigung mit einem neuen Zeitempfinden ungemein heilsam ist. Und ich habe den Verdacht, dass diese Beschäftigung mich dem Gefühl für den richtigen Augenblick näher bringt. Wir erwischen ihn nicht durch analytisches oder logisches Denken, sondern durch einen intuitiven Zugang zur Wirklichkeit, zur unmittelbaren Verbundenheit mit der Welt, die zu einem tief empfundenen Vertrauen führt. Wir alle hatten diesen Zugang, von sehr langer Zeit, bevor wir als Kind ein „Ich“-Bewusstsein entwickelten. Indem wir „Ich“ zu sagen beginnen, stellen wir uns den anderen gegenüber und bilden nicht mehr das selbstverständliche „Wir“, das wir früher mit unseren Eltern oder der uns umgebenden Welt waren, so die Schriftstellerin, Philosophin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé. Sprechen heisst trennen und unterscheiden. Deshalb braucht es die Stille, um Verbindung spüren zu können.

Die Zeit, wie wir sie aus der frühesten Kindheit kennen, aber meistens vergessen haben, finden wir oft in der kreativen Betätigung wieder. Wir erleben die Welt sinnlich, haben sie aber noch nicht sprachlich erfasst. Vielleicht geht es in einem ersten Schritt einfach einmal darum, etwas zu tun, was uns die Zeit zurückbringt. Was das genau ist, muss jede und jeder für sich selbst herausfinden. Im Zweifel vielleicht einfach mal fallen lassen, wie die Seeschwalben.

Wer sich nun zeitvergessen in weiterführende Lektüre fallen lassen möchte, dem seien folgende Bücher empfohlen:

Joke J. Hermsen, Kairos, Vom Leben im richtigen Augenblick, Harper Collins Verlag 2023

Maryanne Wolf, Schnelles Lesen, langsames Lesen, Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen, Penguin Verlag 2019

Konrad Lehmann, Das schöpferische Gehirn, Auf der Suche nach der Kreativität – eine Fahndung in sieben Tagen, Springer Verlag 2018

Wenn das Denken ändert

Vor ein paar Wochen war ich in einem Schweige- und Meditationsretreat. Es fand in einem schlossähnlichen Seminarzentrum auf einer einsamen Anhöhe umgeben von Feldern und Wäldern statt, in dessen Innenhof zahlreiche Hühner und eine Pfauenfamilie frei herumliefen. Als ich das Schloss betrat, waren schon einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelt und unterhielten sich. Es war eine verhaltene Unterhaltung, da niemand so richtig wusste, ob wir überhaupt noch sprechen durften. Als der Seminarleiter dazukam, wurde klar, dass nach dem gemeinsamen Abendessen das Schweigen beginnen würde. Die 15 Menschen der Gruppe sprachen nun so intensiv miteinander, als ob es das letzte Mal in ihrem Leben wäre. Es war laut. Und nach dem Abendessen wurde es wunderbar ruhig.  

Die folgenden sechs Tage sassen wir während sechs bis acht Stunden in der Stille, machten meditative Spaziergänge, beobachteten die Natur, assen und schwiegen gemeinsam. An das stille Sitzen gewöhnte ich mich und das Schweigen gefiel mir ohnehin, da mir die Welt rasch zu laut wird und ich es meistens vorziehe, ruhig zu sein und zuzuhören. Ich war dankbar, dass sich mein Leiden beim Sitzen in Grenzen hielt (wenn ich auch mit jedem Tag ein wenig mehr Polstermaterial benötigte) und dass das Schweigen für mich eher eine Entlastung als eine Herausforderung war. Es hätte eigentlich fast ein Wellnessurlaub sein können. Wäre da nicht so unglaublich viel zu tun gewesen. Es ist ja nicht so, dass man sich in der Meditation auf ein Kissen setzt und einfach ein wenig vor sich hinträumt. Das wäre in etwa dasselbe, wie wenn man joggen möchte und mit den Laufschuhen in der Hand im Hauseingang stehen bliebe. Man setzt sich aufrecht hin mit einer bestimmten Absicht. Selbst wenn man absichtslos meditiert besteht letztlich die Absicht darin eben genau dies zu tun.

In der Zazen-Meditation lauten die vier grundlegenden Haltungen oder Absichten (deshalb der Imperativ):

1. Bewege Dich nicht! 

Einfach still und aufrecht sitzen. Vor allem still. Wenn man sich nicht bewegt, wird es den Äffchen im Kopf irgendwann zu langweilig. Sie schleichen sich davon und wir können ganz in Ruhe unsere Aufmerksamkeit beobachten. Richtig, wir lenken die Aufmerksamkeit auf die Aufmerksamkeit selbst.  Aus der Aufmerksamkeitsaufmerksamkeit heraus hört man im besten Fall auf, sich auf etwas Bestimmtes zu konzentrieren und die Präsenz erweitert sich zu einem weiten Feld; dem Gewahrsein. Das ist eine unglaubliche Fähigkeit, die wir besitzen; wir können uns beim Beobachten beobachten und uns so aus den ganzen Geschichten, die wir uns den ganzen Tag erzählen, herauslösen. Ich finde das eine wirklich grossartige Sache, bloss denke ich so selten dran, gerade dann, wenn es wirklich hilfreich wäre, ein bisschen Distanz einzunehmen.

2. Kratze Dich nicht! 

Wenn man es mit irgendeinem Unwohlsein zu tun hat, einfach nicht reagieren. Wobei es nie einfach ist, da uns Körper und Geist in der Stille gerne jedes nur erdenkliche Unwohlsein vorgaukeln: Mir tut der Rücken weh. Die Schultern schmerzen. Steckt da ein Messer drin? Ich bin so müde. Diese Fliege nervt. Kann dieser Pfau nicht mal ruhig sein? Ich habe Durst. Warum tue ich mir das eigentlich an? Spätestens hier hilft vielleicht der nächste Punkt.

3. Lade Deine Gedanken nicht zum Tee ein! 

Gedanken sind wie Gäste. Sie kommen und gehen. Man kann sich die Gedanken auch wie die Wolken am Himmel vorstellen. Bevor man unter einer Wolkendecke sitzt, kann man es mit folgendem Trick versuchen: Sich selbst mit dem Himmel und nicht mit den Wolken identifizieren (Letzteres tun wir ständig, dann sitzen die Wolken beim Tee). In den seltenen Momenten, in denen mir diese Änderung des Denkens gelingt, stören die Wolken nicht mehr (das hilft auch bei Gästen).

4. Korrigiere Deinen Geisteszustand nicht! 

Hier wird es richtig interessant. Oft wünsche wir uns ja, ungebetene Gedanken oder schwierige Erfahrungen einfach nur loszuwerden. Und genau diesen Impuls sollten wir loslassen und einfach gar nichts tun. Für mich persönlich ist diese radikale Akzeptanz die Königsdisziplin. Wenn das gelingt, dann stellt sich ein derart tiefes Gefühl des Vertrauens ein, das sich kaum beschreiben sondern einfach nur fühlen lässt.

Spätestens dann, wenn dieses tiefe Gefühl des Vertrauens eintritt, bekommen wir die Chance, der Sache auf den Grund zu gehen, nämlich der Frage, „wer“ wir wirklich sind. Das Problem ist ja, dass uns im normallauten Alltag meistens das „Was“ im Weg steht. Wir definieren uns darüber „was“ wir sind, beispielsweise über unser Geschlecht, unsere Religion, unsere ethnische Herkunft, unseren Beruf oder unsere Verortung in der Familie. Je intensiver wir uns aber an diesem „Was“ festhalten, desto geringer wird die Chance, dass wir uns verändern, entwickeln, wachsen oder einfach werden können. Je stärker wir mit unserem „Was“ verwoben sind, umso geringer wird auch die Möglichkeit, dass wir uns mit anderen verbinden. Ich führe diesen Gedanken hier absichtlich nicht weiter, es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Selbst wurde mir dies Unterscheidung zwischen dem „Was“ und dem „Wer“ ab etwa dem dritten Tag des Retreats bewusst und das Gefühl, das mit diesem Bewusstsein einherging, nimmt mich bis heute ein. Mein „Was“ löste sich Stück für Stück auf und dieser Prozess ging mit einem unbeschreiblichen Glücksgefühl einher. Meine erste Reaktion war, wie wunderbar es doch ist, „Niemand“ zu werden. Dann verstand ich aber, dass nun mein „Wer“ im Raum stand und ich begann mir eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte darüber, wer ich wirklich bin. Und die liest sich ganz anders, als mein Lebenslauf.

Es war wohl auch dem Umstand geschuldet, dass ich seit drei Tagen mit 15 Menschen zusammen war und wir uns nicht gegenseitig erzählen mussten, was wir tun oder nicht tun und weshalb. Ich wage zu behaupten, dass wir uns im Schweigen mindestens so gut kennenlernen konnten wie in der alltäglichen Redeflut, wo es oft nicht gelingt, die wesentlichen Informationen über einen Menschen herauszufiltern.

Als ich am vierten Tag nach dem Mittagessen im Innenhof auf einem Bänkchen sass und die Pfauenfamilie beobachtete,  erinnerte ich mich an das Musikstück 4’33’’ des amerikanischen Komponisten John Cage. Es ist ein Stück in drei Sätzen, in dem ein Pianist keinen einzigen Ton spielt. Wenn es aufgeführt wird, sind es Umgebungsgeräusche wie verlegenes Lachen, Räuspern oder Stühlerücken, die das Stück ausmachen. Cage ging davon aus, dass alles, was wir hören, Musik ist. Beeindruckend ist, wie klar man in diesem Stück (und auch danach) plötzlich die Zwischentöne hört. In der trügerischen Ruhe reicht das kleinste Geräusch aus um sich zu fragen, was denn nun die Realität ist. Das Musikstück oder die Geräusche dazwischen.

Genau dies war die Absicht von Cage. Er war der Auffassung, dass es so etwas wie Stille gar nicht gibt. Stille bedeutete für ihn nicht die Abwesenheit von Schall, sondern eine Änderung im Denken. Wer sich auf diesen Perspektivenwechsel einlässt, bekommt die Chance, einen Moment aus dem eigenen mit Gefällt mir-Gefällt mir nicht-Urteilen überladenen Gehirnalltag zu entfliehen und (vielleicht) die Wirklichkeit zu sehen.

An der Columbia University wird John Cages 4’33’’ jedes Jahr vor Studierenden aufgeführt. Sie hören dann Geräusche, die normalerweise nur stören, wie Schritte von Menschen im Korridor, Räuspern und Husten als reine Realität des Klangs und können so eine Änderung in ihrem Denken erfahren. Wie in der ZEIT kürzlich zu lesen war, wurde das Stück in diesem Jahr nicht aufgeführt. Die reine Realität des Klangs hätte in diesem Jahr aus antiisraelischen Protesten von demonstrierenden Studierenden bestanden, was man den nicht demonstrierenden Studierenden nicht zumuten wollte und man zog es deshalb vor, wieder auf die vertraute Realität aus Schritten, Räuspern und Husten im nächsten Jahr zu hoffen.

„Alles Unheil kommt von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können.“ Für einmal bin ich mir nicht sicher, ob das berühmte Zitat des französischen Philosophen Blaise Pascal auch hier zutrifft. Vielleicht sollte man die Chancen, die in einer Änderung des Denkens (in welche Richtung auch immer) bestehen, besser nicht unterschätzen.

Zum Weiterdenken und Staunen:

Christian Dillo, Der tiefe Wunsch nach Lebendigkeit, Ein buddhistischer Wegweiser für das 21. Jahrhundert, Ullstein Buchverlage Berlin, 2022

Clemens J. Setz, Wenn die Stille zu laut wird, DIE ZEIT Nr. 19 vom 2. Mai 2024, S. 52

Ein besonderes Exemplar der Pfauenfamilie kann hier bewundert werden.

Einfache Wahrheiten

Jede Jahreszeit birgt ihre kleinen Wunder. Der Frühling noch ein paar mehr. Als ich zum ersten Mal diesen mit Wölkchenbäumen gesäumten Fahrradwegen entlangfuhr, spürte ich ein lange vermisstes Gefühl: eine ruhige Wärme im Bauch, die einem das Vertrauen gibt, dass alles gut ist, wie es ist. Und es war einer dieser Momente, in dem man weiss, dass eine Lebensphase abgeschlossen ist und eine neue beginnt. Diesem Moment ging ein langer Übergang voraus. Ein Zwischenraum der besonderen Art. 

Wenn man vieles loslässt im Leben, ist man irgendwann mit der Frage konfrontiert, wer man eigentlich ist, wenn einem keiner zuschaut. Vorsicht: dies ist ein Moment zum Innehalten.

Diese Frage muss man erst einmal wirken lassen. Als ich sie zum ersten Mal in einem Buch von Doris Dörrie las, liess sie mich tagelang nicht los. Ich habe mich dann auf die Frage ernsthaft eingelassen (und nach wie vor nicht abschliessend beantwortet) und war erst einmal orientierungslos. Mit der Zeit fühlte es sich an, als würde ich durch den Schlamm waten. Den vergangenen Herbst und Winter habe ich weitgehend in diesem Schlamm verbracht und es war, sagen wir mal, eine interessante Erfahrung. 

Als ich mein altes Leben in der Schweiz zurückliess und in ein weitgehend unbekanntes aufbrach, hörte ich oft: „Du bist aber mutig“. Mut ist ja keine Charaktereigenschaft (leider), sondern ein Prozess, von dem ich dachte, ihn mit der Abmeldung aus meiner letzten Wohngemeinde erfolgreich abgeschlossen zu haben. So kann man sich irren. Auf meiner Wanderung durch den Schlamm habe ich vieles erlebt und es sind mir dabei ein paar einfache Wahrheiten bewusst geworden, die zu dem Vertrauensmoment unter den Wölkchenbäumen massgeblich beigetragen haben. Sie sind nicht sehr überraschend. Aber es ist nicht dasselbe, ob man glaubt, etwas zu wissen oder ob man Klarheit darüber erlangt hat.

Hier sind drei Klärungsversuche:

Die Ergebnisfalle

Für mich gibt es einen direkten Weg in eine Blockade. Schauen, was die anderen tun und zur Überzeugung gelangen, dass es besser ist als das, was ich selber tue, weshalb das, was ich selber tue lieber ungetan bleiben sollte. Ein schönes Beispiel ist die Schreibblockade. Man schaut was die anderen schreiben und kommt zum Schluss, dass eigentlich alles schon geschrieben ist. Mit schauen was die anderen schreiben meine ich nicht, gute Bücher zu lesen. Lesen und schreiben gehören für mich zusammen. Wenn ich lese, tauche ich in andere Welten ein, öffne mich für Neues und ermögliche mir, neu zu denken, was wiederum das Schreiben bereichert. Nein, ich meine ganz konkret, dass ich eine Idee für ein Buch habe und bei jeder intensiven Recherche zum Thema zum Schluss komme, dass eigentlich alles dazu schon geschrieben ist. Und das zweifellos viel besser, als ich es könnte.

Vergleiche machen unzufrieden, das ist weder eine überraschende noch eine neue Erkenntnis. Die Erfahrung zurück in die Zufriedenheit kann man ganz einfach machen, indem man sich für einige Zeit aus den sozialen Medien verabschiedet. Es sind aber nicht allein die Vergleiche, die einem das Leben schwer machen können. Und jetzt kommt der springende Punkt: Hand in Hand mit dem Vergleichen geht die Ergebnisfalle. Wenn ich mir das Ergebnis, von dem, was ich auch immer gerade tue vorstelle, tauchen immer tausend Zweifel auf. Kann ich das? Wie lange brauche ich dafür? Und was werden andere darüber denken? Und schon ist sie da, die Blockade. Ein ähnliches Muster zeigt sich, wenn ich mir mal wieder vornehme, diese zwei bis drei Kilogramm abzunehmen, von denen ich seit ich so denken kann denke, dass sie zu viel sind. Sobald ich mir vorstelle, wieder in diese eine Sommerhose zu passen, greife ich zur Schokolade. Zu viel Schokolade. Und wenn ich die Phase durchgemacht habe, bin ich nach einigem auf und ab und egal auf welchem Weg wieder beim Ausgangspunkt. In meinem Fall liegt die Antwort auf alle Fragen bei 63.5 Kilogramm. Erstaunlich eigentlich, weil ich auf dem Weg dorthin gesamthaft unfassbar viel Energie verbraucht habe.

Für mich ist dieser Fokus auf das Ergebnis, der seine Wurzeln in der Unsitte des Vergleichens hat, jedenfalls nicht zielführend. Ebenso wenig glaube ich an die Visualisierung von Ergebnissen. Zumindest mein Gehirn glaubt dann, die Aufgabe bereits erledigt zu haben und legt erst einmal die Füsse hoch.

Mein Lieblingsphilosoph und bedauerlicherweise abtretender Fussballtrainer des SC Freiburg, Christian Streich machte nie einen Hehl daraus, wie viel Herzblut er in jeden einzelnen Moment rund um ein Spiel steckt. Fussball ist ohne Vergleiche kaum denkbar und es ist offensichtlich, dass auch Christian Streich bei jedem Spiel unfassbar viel Energie verbraucht. Und dennoch sagt er genau dazu: „Am beschte machsch de Fernseh aus, schausch die Tabelle ned an, schpielsch, übsch.“ Man kann es besser nicht ausdrücken. Einfach weitermachen und üben. Und nicht schauen, was die anderen tun.

Die Magie der Zwecklosigkeit

Eng mit der Ergebnisfalle verbunden ist die Suche nach dem Sinn (des Lebens, der Welt etc.). Das Bedürfnis, den Sinn im Leben zu suchen hat man in der Regel, wenn es gerade nicht so gut läuft. Wenn man zweifelt. Irgendwie hat man den Kompass verloren und erhofft sich, wieder einen zu haben, sobald man den Sinn des Lebens entschlüsselt hat, zumindest denjenigen des eigenen Lebens. Wir wünschen uns eine Aufgabe, für die es sich lohnt, sich einzusetzen, zu leben und durchaus auch einmal zu leiden.

Immer mal wieder ertappe ich mich dabei, bei solchen Überlegungen ganz bei den Naturwissenschaften zu sein. Sie erklären uns, weshalb die Welt ist, wie sie ist. Das ist zweifellos interessant, aber das Wozu bleibt offen. Zu einem noch klareren Ergebnis kommen die Stoiker. Sie sind der Auffassung, dass die Welt fundamental sinnlos ist. Das hat ja auch etwas Befreiendes. Gleichzeitig aber auch etwas Verstörendes, weil diese Sinnlosigkeit unsere ohnehin latent vorhandene Angst vor unserer Endlichkeit schürt. Jede Anstrengung, jedes Hoffen, jedes Leiden und jedes Lieben im Laufe unseres Lebens soll tatsächlich auf ein Nichts hinauslaufen? Diese Frage kann ähnlich orientierungslos machen wie die eingangs genannte: „Wer bin ich, wenn mir keiner zuschaut?“

Vielleicht hilft es an dieser Stelle, die Nützlichkeitsüberlegungen, die uns allen innewohnen, für einmal etwas leiser werden zu lassen, oder noch besser, langsamer. Meist ist es der schnelle Erfolg, der zählt (und hier sind wir wieder bei der Ergebnisfalle). Der Philosoph Byung-Chul Han umschreibt sehr schön, was wir dabei alles verpassen: Handlungen verkürzen sich zu Reaktionen. Erfahrungen verdünnen sich zu Erlebnissen und Gefühle verarmen zu Emotionen und Affekten.

Und dann dieser Stelle komme ich wieder zum Moment unter den Wölkchenbäumen zurück. Es war eine Erfahrung und ein Gefühl, also nicht die verarmte Kurzversion eines emotionalen Erlebnisses (was durchaus auch schön sein kann). Im Wölkchenbaummoment wurde die Trennung zwischen äusserer Welt und innerer Wahrnehmung für einen unendlichen Augenblick lang aufgehoben. Und ja, es war ein magischer Moment absoluter Zweckbefreiung und vollkommener Aufmerksamkeit.

Die Sache mit der Endlichkeit

Jetzt kommt ein Punkt, an dem ich auf lange und intensive Erfahrung zurückgreifen kann. Ich räume ein, dass ich mich in meinem Leben sehr intensiv mit der Frage beschäftigt habe, wie ich meine vermeintlich knapp bemessene Zeit möglichst sinnvoll nutzen kann. Jahrelang habe ich nach ausgefeilten Zeitplänen gelebt, bin spätestens um 5 Uhr morgens aufgestanden und habe jede Minute nach meinem damaligen Erkenntnisstand sinnvoll genutzt. Ich kenne wahrscheinlich jeden der sieben Schritte, Stufen, Wege, Säulen oder was auch immer zur Effektivität und ich habe gelernt, dass ein Hamsterrad von innen wie eine Karriereleiter aussieht. Je mehr ich versuchte, meine Zeit gezielt einzusetzen, umso stressiger, leerer und frustrierender wurde mein Leben. Und ganz schlimm wurde es, wenn eine Aufgabe, die mir gegen meinen Willen aufgezwungen wurde, meinen mühsam erstellten Zeitplan über den Haufen warf. Dann konnte ich richtig unfreundlich werden, zu mir und zu anderen. Aber nun „das System“ für all die Höher-Weiter-Schneller-Blessuren verantwortlich zu machen, würde dann doch zu kurz greifen.

Diese ganzen Bemühungen, mit denen ich Kontrolle und Freiheit (!) über mein Leben erreichen wollte, hatten vor allem eine Ursache: die Angst vor der Endlichkeit. Irgendwann wurde mir klar, dass all meine Ablenkungsmanöver mir nur vorgaukeln sollten, dass es für mich keine Grenzen gibt, dass es eben immer höher, weiter und schneller geht. Heute weiss ich, dass sinnvolle Produktivität meist nicht dadurch entsteht, dass man sich beeilt, sondern dadurch, dass man sich Zeit lässt und sich der Zeit hingibt, die einem Prozess innewohnt. Und genau dieser letzte Punkt beinhaltet für mich einen Schlüssel: ich gebe mich der Zeit hin und akzeptiere zugleich, dass diese Erfahrung im gegebenen Moment alles ist. Damit stelle ich mich meiner Endlichkeit. Und ich kann dann vielleicht auch erfahren, wer ich bin, wenn mir keiner zuschaut. 

Und was ergibt sich nun aus all diesen Überlegungen über die Ergebnisfalle, die Magie der Zwecklosigkeit und die Sache mit der Endlichkeit? Einfache Wahrheiten für sich zu klären ist das eine, für das eigene Leben etwas daraus abzuleiten etwas anderes. Den Sinn des Lebens lasse ich mal noch offen und versuche es stattdessen mit einem sinnvollen Leben. Und weil man ja in kleinen Schritten vorwärts gehen soll fange ich mal mit einem einzelnen Tag an. Ein sinnvoller Tag ist für mich heute einer, an dem ich eins nach dem anderen mit möglichst viel Aufmerksamkeit tue und in jedem Falle ist etwas dabei, das mir so richtig Freude bereitet, und sei es der Weg mit dem Fahrrad unter den Wölkchenbäumen. Ganz einfach.

Wer diese Gedanken vertiefen möchte, dem sei eine Fahrradtour wie auch folgende Literatur empfohlen:

Byung-Chul Han: Vita Contemplativa. Oder von der Untätigkeit. Ullstein Verlag 2023

Christian Uhle: Wozu das alles? Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens, Fischer Verlag 2022

Michael Hampe: Wozu? Eine Philosophie der Zwecklosigkeit, Hanser Verlag 2024

Oliver Burkeman: 4000 Wochen, Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement, Piper Verlag 2022