In der Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erscheint jede Woche ein kurzes Interview mit Menschen aus dem Kulturbetrieb. Es geht dabei immer um die Frage, was sie lesen, hören und sehen. Eine Frage gefällt mir ganz besonders: «Welches Buch in Ihrem Regal werden Sie ganz bestimmt nicht lesen?»
Oft erzählen diese Bücher Geschichten. Die Reise nach Kuba, die nie gemacht wurde, die Coachingausbildung, die auch beim dritten Anlauf langweilte, oder der Klassiker, den man sich seit Jahren vornimmt und irgendwann feststellt, dass man seine Zeit vielleicht doch eher mit Dingen verbringen möchte, die einem wirklich interessieren. Ungelebte Leben, nicht umgesetzte Pläne, unerfüllte Träume oder enttäuschte Erwartungen können ein ganzes Bücherregal füllen.
Manchmal haben diese verlassenen Bücher aber auch einen ganz anderen Hintergrund: Es fehlt schlicht und einfach die Geduld, sich auf etwas einzulassen, weil das Buch doch etwas komplexer ist, als erwartet.
Ich muss zugeben, dass sich in meinem Bücherregal in den letzten Jahren einige dieser Exemplare angesammelt haben.
In den vergangenen beiden Jahren habe ich mir viel Zeit genommen, um zu lesen. Davon hatte ich immer geträumt: Lesen, was ich will und wann ich will. Nicht nur im Urlaub. Einfach in ein Buch eintauchen, mich mitnehmen und verändern lassen, so wie früher. Meine große Überraschung war: Ich musste das Eintauchen neu lernen.
Dieser Umstand verstörte mich anfangs sehr. Doch dann fand ich Erklärungen. Ich stieß auf das Buch: »Schnelles Lesen, langsames Lesen« der Kognitions- und Literaturwissenschaftlerin Maryanne Wolf.
Nachdem sie durch ihre Arbeiten nachweisen konnte, wie sehr sich unser Gehirn durch digitale Lesegewohnheiten verändert, stellte sie fest, dass genau dies auch für sie selbst galt.
Aufgrund der zunehmend zu lesenden Menge an Material für ihre Forschung las sie viele Zusammenfassungen und Online-Texte und nahm sich vor, später alles gründlicher zu lesen, was aber aus Zeitgründen nie stattfand. Diese schnelle Art zu lesen erfasste auch ihre privaten Lesegewohnheiten. Die gewohnte Bettlektüre wurde zudem schleichend durch die letzten E-Mails des Tages ersetzt. Ein Zustand, der vielen Menschen bekannt vorkommen dürfte.
Diese Veränderung wollte sie nicht hinnehmen und sie entschied sich für ein Selbstexperiment. Über längere Zeit beobachtete sie, wie sie jeden Tag während einer festgelegten Zeitspanne ein anspruchsvolles Buch las, das in jungen Jahren zu ihren Lieblingsbüchern zählte: »Das Glasperlenspiel« von Herrmann Hesse.
Sie brachte es nicht fertig, den Text zu lesen. Der Stil schien ihr zu komplex und das Tempo der Handlung empfand sie als unerträglich. Ihr gewohntes digitales Lesetempo entsprach nicht dem Handlungstempo des Buches. Sie las oberflächlich und zu schnell, um die tieferen Ebenen zu erfassen. Dies zwang sie, zurückzugehen und denselben Satz mit zunehmender Frustration wieder und wieder zu lesen.
Erschüttert durch diese Erfahrung zwang sie sich, das Experiment weiterzuführen. Sie reduzierte die festgelegte Zeitspanne auf 20 Minuten. Nach zwei Wochen stellte sich schließlich eine Beruhigung ein und sie konnte sich wieder auf das Buch einlassen.
Die gute (oder je nachdem die schlechte) Nachricht ist, dass die Plastizität unseres Gehirns Anpassungen in beide Richtungen möglich macht. Ich kann dies bestätigen. Motiviert durch die Geschichte von Maryanne Wolf las ich im vergangenen Jahr den Zauberberg von Thomas Mann, den ich vor fünfunddreissig Jahren zum ersten Mal las. Die Geschichte inmitten der sich endlos ausdehnenden Zeit des Kurortes begleitete mich über viele Wochen und es schien mir, als würde ich ein mir bislang völlig unbekanntes Werk lesen. Nach einer ersten ungeduldigen Leidenszeit empfand ich die Lektüre aber als ausgesprochen heilsam. Der Zauberberg brachte mir die Zeit zurück. Und neue Erkenntnisse über das wiederholte Lesen von Büchern.
Rolf Dobelli plädiert in seinem Buch über »Die Kunst des guten Lebens« dafür, weniger zu lesen, aber dafür doppelt. Er sei radikal selektiv. Ein Buch bekomme von ihm maximal eine Chance von 10 Minuten, dann entscheide er sich, ob er es lese oder nicht.
Da bin ich skeptisch. Ich habe schon oft ein verlassenes Buch aus meinem Bücherregal gefischt, das schon lange vor sich hinstaubte und festgestellt, dass erst jetzt der richtige Zeitpunkt war, es zu lesen.
Gute Bücher doppelt zu lesen, ist aber tatsächlich ein Gewinn. Aus meiner Sicht vielleicht nicht unbedingt sofort hintereinander, wie Dobelli es mit guten Gründen vorschlägt. Beim wiederholten Lesen innert kurzer Zeit bleibt mehr hängen. Das hat aus meiner Sicht auch damit zu tun, dass ich ein Buch beim zweiten Mal deutlich langsamer lese. Da ich ungefähr glaube zu wissen, was kommt, habe ich meine Ungeduld ein bisschen besser unter Kontrolle.
Meine Zauberberg-Erfahrung hat mir aber auch gezeigt, dass einiges dafür spricht, gute Bücher nach längerer Zeit nochmals zu lesen. Jedes Mal, wenn ich ein Buch neu lese, bin ich ein anderer Mensch, mit anderen Erinnerungen und Erfahrungen. Dies wiederum hinterlässt beim Lesen andere Spuren.
Das vertiefte Lesen hat aber nicht nur Auswirkungen auf unser Zeitempfinden und auf unsere Lesebiografie. Es geht noch viel weiter.
Maryanne Wolf beschreibt in ihrem Buch sehr anschaulich, dass unser Gehirn genügend Zeit benötigt, Informationen zu verarbeiten. Gelingt dies, ermöglicht uns die vertiefte Lektüre, unsere Perspektive zu wechseln und uns auch in neue Situationen und in andere Menschen hineinzuversetzen. Spiegelneuronen scheinen auch beim Lesen eine faszinierende Rolle zu spielen.
Wir brauchen den Austausch, sei es mit anderen Menschen oder eben mit Büchern, um unsere Gedanken und uns selbst weiterzuentwickeln. Alleine sind wir einfach nicht besonders schlau. Dass diese Resonanz nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Büchern und vor allem mit Geschichten funktioniert, ist für introvertierte Menschen wie mich eine gute Nachricht.
Maryanne Wolf geht aber noch einen Schritt weiter. Komme uns die kognitive Geduld abhanden, führe dies zu unbeabsichtigtem Unwissen, Angst und Missverstehen, was zu aggressiven Formen von Intoleranz führen könne. Über die Folgen dieser Intoleranz können wir jeden Tag in den Zeitungen lesen.
Zudem weist sie auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: Vertieftes Lesen benötigt Hintergrundwissen, das wir uns weder aus fragmentierten Texten aus dem Internet noch aus den sozialen Medien erschließen können. Dieses Hintergrundwissen wiederum ist die Grundlage für Rückschlüsse, Schlussfolgerungen, analoge Gedanken und damit für kritisches Denken.
Es ist heute weitgehend unbestritten, dass uns die digitalen Kanäle nicht klüger machen. Sie können eine interessante Quelle sein, um sich ergänzendes Wissen zu erschließen, wenn man weiß, wie das geht. Was sie mit unserer Aufmerksamkeitsspanne anstellen, ist aber alles andere als harmlos und hinlänglich bekannt.
Lassen wir uns mit zu vielen Informationen bombardieren, verlassen wir uns zudem auf jene, die uns wenig eigenes Denken abverlangen. Chat GPT ist das beste Beispiel. Er erzählt uns ganz gerne, was und wie wir zuvor bereits gedacht haben, und sei es auch der größte Mist.
Was dies alles für junge Menschen bedeutet, die in dieser beschleunigten und fragmentierten Welt aufwachsen, wird sich zeigen. Oft liest man, dass die Sorge, unsere Kinder könnten das Bücherlesen verlernen, eine Sorge der Bildungselite sei (wer das auch immer sein mag) oder noch schlimmer, man könne die Geräte ja einfach abstellen.
Solche Aussagen machen mich gleichermaßen rat- und sprachlos. Meine Eltern besaßen in meiner Kindheit kein einziges Buch, außer die Bibel, die sie zur Hochzeit erhalten hatten. Die Prioritäten lagen in meinem Elternhaus woanders. Als ich Bücher entdeckte und damit auch die Möglichkeit, mich in ihnen zu verlieren, war dies für mich ein geheimer Zufluchtsort, den ich nicht missen möchte. Den Zugang dorthin wünsche ich jedem jungen Menschen von Herzen.
Der geheime Zufluchtsort ist geblieben. Allerdings brauche ich Papier in den Händen, um dabei zu sein, wenn ich lese. Auf dem Bildschirm scanne ich einen Text. Ich durchkämme ihn nach Stichwörtern, die mich interessieren, wobei ich manchmal vergesse, was dies eigentlich sein könnte.
Querlesen gilt – zumindest im beruflichen Kontext – als eine wichtige Fähigkeit, sofern man sich tagtäglich mit Unmengen von Text herumschlagen muss. Auch ich habe diese Fähigkeit jahrelang kultiviert. Manchmal las ich, als ob ich auf der Flucht vor dem Denken wäre. Mit dem Ergebnis, dass ich das tiefe Lesen wieder lernen musste. Und irgendwie auch das Denken. Und das Querlesen habe ich leider noch immer nicht ganz zum Schweigen gebracht.
Tiefes Lesen erfordert Zeit. In die Schönheit eines Textes eintauchen können wir nur, wenn wir uns die Zeit zugestehen, darin zu verweilen. Dabei sollten wir uns auch vergegenwärtigen, wie sorgfältige Texte entstehen. Der italienische Schriftsteller Italo Calvino hat dies wie folgt beschrieben:
»Genau wie für den Verse schreibenden Dichter liegt auch für den Prosaschriftsteller das Gelingen im geglückten verbalen Ausdruck, der sich manchmal durch jähe Inspirationen ergeben mag, in der Regel aber eine geduldige Suche nach dem mot juste erfordert, nach dem Satz, in dem kein Wort ersetzbar ist, nach der Zusammenstellung von Lauten und Begriffen, aus der sich die größte Wirkkraft und Bedeutungsdichte ergibt.«
Lese ich Bücher, bei welchen ich spüre, dass die Autorin oder der Autor in ebendieser Weise nach dem mot juste gesucht hat, dann finde ich, dass sie oder er ein Recht darauf hat, dass die Worte mit ebendieser Sorgfalt gelesen werden.
Über das Lesen schreibt Virginia Woolf in ihrem Essay, »Wie sollte man ein Buch lesen?« folgendes:
»Der erste Vorgang, Eindrücke mit äußerstem Verständnis aufzunehmen, ist beim Lesen nur der halbe Vorgang, er muss durch einen weiteren vervollständigt werden, wenn wir an einem Buch das volle Vergnügen haben wollen. Wir müssen ein Urteil über die zahlreichen Eindrücke fällen; wir müssen aus diesen flüchtigen Formen eine machen, die fest und dauerhaft ist. Aber nicht direkt. Warten Sie, bis sich der Staub des Lesens gelegt hat, bis der Konflikt und die Fragen abgeklungen sind, gehen Sie, reden Sie, zupfen Sie die toten Blütenblätter von einer Rose oder schlafen Sie ein. Und auf einmal, ohne unser Wollen, denn so nimmt die Natur solche Wandlungen vor, wird das Buch wiederkehren, allerdings anders. Es wird das Denken als Ganzes bestimmen.«
Wer in das Eintauchen weiter eintauchen möchte, dem sei ein verlassenes Buch aus dem eigenen Bücherregal oder folgende Werke zur vertieften Lektüre empfohlen:
Italo Calvino, sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend, S. Fischer 2022 (Erstveröffentlichung 1988) (Zitat: S. 66)
Maryanne Wolf, Schnelles Lesen, langsames Lesen, Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen, Penguin 2018
Virginia Woolf, Wie sollte man ein Buch lesen?, Kampa Pocket 2024 (Erstveröffentlichung 1926) (Zitat: S. 43f.)
