Lagerfeuer-Blog der Schreibfreundinnen
«Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.» Rilkes Herbsttag begleitete mich wie ein Mantra, als ich letzte Woche hinter dem spanischen Häuschen zwei Tonnen Holz stapelte. Dieser Holzstapel beschäftigte mich einen ganzen Tag. Mit jeder Stapelschicht breitete sich in mir ein zunehmendes Gefühl der Sicherheit und Zufriedenheit aus. Ich kam mir ein bisschen vor wie in der Pandemie, als ich zum allerersten Mal in meinem Leben im Keller einen kleinen Vorrat mit Lebensmitteln anlegte. Bereit, die Tür von innen zu schliessen und den Schlüssel im Klo zu versenken. Der Sturm kann kommen.
Die südlicheren Tage, welche die Weintrauben zur Vollendung hin drängten sind auch im Süden vorbei und der schwere Wein ist eingelagert. Auch das gibt ein zufriedenes Gefühl. «Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben». Bin ich nicht und das macht mich nicht nur zufrieden sondern vor allem sehr glücklich und dankbar. Ich bin vorbereitet auf den Winter.
Was mich am Winter fasziniert, ist gar nicht so sehr der Winter selbst, sondern dessen Vorbereitung. In ihr schwingt etwas mit, das lange bleiben wird, meist länger, als es vielen Menschen lieb ist. Dieses Etwas lässt sich schon in der Vorbereitung erahnen. Man kann ihm zuhören.
Mein Schreibtisch im spanischen Häuschen steht am Fenster und mit etwas Glück kann ich es auch noch im November geöffnet lassen. Vor meinem Fenster stehen drei hohe Palmen. Die Vögel lieben sie, sie sind in der Zeit der Vogelzüge ein beliebter Sammelplatz.
Mehrmals täglich wird das muntere Gezwitscher und Geflatter zwischen den Palmblättern dichter und lauter. Ein reger Austausch, den man zu verstehen meint und man spürt, wie sich die Sache zuspitzt. Die Flugroute geklärt, die Koffer gepackt. Absolute Stille. Wie aus dem Nichts und scheinbar grundlos. Dieser Moment des Innehaltens, kurz und tief, die Welt hält den Atem an. Und ich auch.
Ein unhörbarer Startschuss, die Vögel schwärmen aus. Für einen Moment wird es ganz dunkel. Ein schwarzer Vogelschwarm über meinem Fenster. Wie sie alle Platz fanden zwischen den Palmblättern bleibt ihr Geheimnis. Sie nehmen es mit auf ihre Reise. Was bleibt, ist dieser tiefe Moment der absoluten Stille. Sie wird bleiben, die kurzen Tage und die langen Nächte begleiten.
Winterstille ist eine ganz besondere. Es sind nicht nur diese seltenen zauberhaften Momente, in denen der frische Schnee den Lärm der Welt dämpft. Es ist das intuitive Wissen, das sich in einem ausbreitet, dass es nun Zeit ist für den Rückzug. Und wenn man meint, man habe keine Zeit, dann wird man zuverlässig an Weihnachten krank.
Winterstille ist die Schneeflocke, die auf eine frische Schneedecke fällt; die heisse Tasse Tee auf meinem Schreibtisch am frühen Morgen, wenn noch lange Zeit alles dunkel ist; die Kerze auf dem Esstisch, deren leises Flackern meine Seele wärmt.
Winterstille ist, wenn ich mich nicht erklären muss, dass ich abends nicht mehr aus dem Haus will; wenn ich noch mehr Mandelmus in mein Porridge mache, weil es mir Wärme gibt; wenn ich Filme aus meiner Kindheit schaue, weil sie mich über eine Vergangenheit hinwegtrösten, die es nie gab.
Winterstille ist Zeit für tiefe Dankbarkeit für das gebaute Haus des Lebens.
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