Jede Jahreszeit birgt ihre kleinen Wunder. Der Frühling noch ein paar mehr. Als ich zum ersten Mal diesen mit Wölkchenbäumen gesäumten Fahrradwegen entlangfuhr, spürte ich ein lange vermisstes Gefühl: eine ruhige Wärme im Bauch, die einem das Vertrauen gibt, dass alles gut ist, wie es ist. Und es war einer dieser Momente, in dem man weiss, dass eine Lebensphase abgeschlossen ist und eine neue beginnt. Diesem Moment ging ein langer Übergang voraus. Ein Zwischenraum der besonderen Art.
Wenn man vieles loslässt im Leben, ist man irgendwann mit der Frage konfrontiert, wer man eigentlich ist, wenn einem keiner zuschaut. Vorsicht: dies ist ein Moment zum Innehalten.
Diese Frage muss man erst einmal wirken lassen. Als ich sie zum ersten Mal in einem Buch von Doris Dörrie las, liess sie mich tagelang nicht los. Ich habe mich dann auf die Frage ernsthaft eingelassen (und nach wie vor nicht abschliessend beantwortet) und war erst einmal orientierungslos. Mit der Zeit fühlte es sich an, als würde ich durch den Schlamm waten. Den vergangenen Herbst und Winter habe ich weitgehend in diesem Schlamm verbracht und es war, sagen wir mal, eine interessante Erfahrung.
Als ich mein altes Leben in der Schweiz zurückliess und in ein weitgehend unbekanntes aufbrach, hörte ich oft: „Du bist aber mutig“. Mut ist ja keine Charaktereigenschaft (leider), sondern ein Prozess, von dem ich dachte, ihn mit der Abmeldung aus meiner letzten Wohngemeinde erfolgreich abgeschlossen zu haben. So kann man sich irren. Auf meiner Wanderung durch den Schlamm habe ich vieles erlebt und es sind mir dabei ein paar einfache Wahrheiten bewusst geworden, die zu dem Vertrauensmoment unter den Wölkchenbäumen massgeblich beigetragen haben. Sie sind nicht sehr überraschend. Aber es ist nicht dasselbe, ob man glaubt, etwas zu wissen oder ob man Klarheit darüber erlangt hat.
Hier sind drei Klärungsversuche:
Die Ergebnisfalle
Für mich gibt es einen direkten Weg in eine Blockade. Schauen, was die anderen tun und zur Überzeugung gelangen, dass es besser ist als das, was ich selber tue, weshalb das, was ich selber tue lieber ungetan bleiben sollte. Ein schönes Beispiel ist die Schreibblockade. Man schaut was die anderen schreiben und kommt zum Schluss, dass eigentlich alles schon geschrieben ist. Mit schauen was die anderen schreiben meine ich nicht, gute Bücher zu lesen. Lesen und schreiben gehören für mich zusammen. Wenn ich lese, tauche ich in andere Welten ein, öffne mich für Neues und ermögliche mir, neu zu denken, was wiederum das Schreiben bereichert. Nein, ich meine ganz konkret, dass ich eine Idee für ein Buch habe und bei jeder intensiven Recherche zum Thema zum Schluss komme, dass eigentlich alles dazu schon geschrieben ist. Und das zweifellos viel besser, als ich es könnte.
Vergleiche machen unzufrieden, das ist weder eine überraschende noch eine neue Erkenntnis. Die Erfahrung zurück in die Zufriedenheit kann man ganz einfach machen, indem man sich für einige Zeit aus den sozialen Medien verabschiedet. Es sind aber nicht allein die Vergleiche, die einem das Leben schwer machen können. Und jetzt kommt der springende Punkt: Hand in Hand mit dem Vergleichen geht die Ergebnisfalle. Wenn ich mir das Ergebnis, von dem, was ich auch immer gerade tue vorstelle, tauchen immer tausend Zweifel auf. Kann ich das? Wie lange brauche ich dafür? Und was werden andere darüber denken? Und schon ist sie da, die Blockade. Ein ähnliches Muster zeigt sich, wenn ich mir mal wieder vornehme, diese zwei bis drei Kilogramm abzunehmen, von denen ich seit ich so denken kann denke, dass sie zu viel sind. Sobald ich mir vorstelle, wieder in diese eine Sommerhose zu passen, greife ich zur Schokolade. Zu viel Schokolade. Und wenn ich die Phase durchgemacht habe, bin ich nach einigem auf und ab und egal auf welchem Weg wieder beim Ausgangspunkt. In meinem Fall liegt die Antwort auf alle Fragen bei 63.5 Kilogramm. Erstaunlich eigentlich, weil ich auf dem Weg dorthin gesamthaft unfassbar viel Energie verbraucht habe.
Für mich ist dieser Fokus auf das Ergebnis, der seine Wurzeln in der Unsitte des Vergleichens hat, jedenfalls nicht zielführend. Ebenso wenig glaube ich an die Visualisierung von Ergebnissen. Zumindest mein Gehirn glaubt dann, die Aufgabe bereits erledigt zu haben und legt erst einmal die Füsse hoch.
Mein Lieblingsphilosoph und bedauerlicherweise abtretender Fussballtrainer des SC Freiburg, Christian Streich machte nie einen Hehl daraus, wie viel Herzblut er in jeden einzelnen Moment rund um ein Spiel steckt. Fussball ist ohne Vergleiche kaum denkbar und es ist offensichtlich, dass auch Christian Streich bei jedem Spiel unfassbar viel Energie verbraucht. Und dennoch sagt er genau dazu: „Am beschte machsch de Fernseh aus, schausch die Tabelle ned an, schpielsch, übsch.“ Man kann es besser nicht ausdrücken. Einfach weitermachen und üben. Und nicht schauen, was die anderen tun.
Die Magie der Zwecklosigkeit
Eng mit der Ergebnisfalle verbunden ist die Suche nach dem Sinn (des Lebens, der Welt etc.). Das Bedürfnis, den Sinn im Leben zu suchen hat man in der Regel, wenn es gerade nicht so gut läuft. Wenn man zweifelt. Irgendwie hat man den Kompass verloren und erhofft sich, wieder einen zu haben, sobald man den Sinn des Lebens entschlüsselt hat, zumindest denjenigen des eigenen Lebens. Wir wünschen uns eine Aufgabe, für die es sich lohnt, sich einzusetzen, zu leben und durchaus auch einmal zu leiden.
Immer mal wieder ertappe ich mich dabei, bei solchen Überlegungen ganz bei den Naturwissenschaften zu sein. Sie erklären uns, weshalb die Welt ist, wie sie ist. Das ist zweifellos interessant, aber das Wozu bleibt offen. Zu einem noch klareren Ergebnis kommen die Stoiker. Sie sind der Auffassung, dass die Welt fundamental sinnlos ist. Das hat ja auch etwas Befreiendes. Gleichzeitig aber auch etwas Verstörendes, weil diese Sinnlosigkeit unsere ohnehin latent vorhandene Angst vor unserer Endlichkeit schürt. Jede Anstrengung, jedes Hoffen, jedes Leiden und jedes Lieben im Laufe unseres Lebens soll tatsächlich auf ein Nichts hinauslaufen? Diese Frage kann ähnlich orientierungslos machen wie die eingangs genannte: „Wer bin ich, wenn mir keiner zuschaut?“
Vielleicht hilft es an dieser Stelle, die Nützlichkeitsüberlegungen, die uns allen innewohnen, für einmal etwas leiser werden zu lassen, oder noch besser, langsamer. Meist ist es der schnelle Erfolg, der zählt (und hier sind wir wieder bei der Ergebnisfalle). Der Philosoph Byung-Chul Han umschreibt sehr schön, was wir dabei alles verpassen: Handlungen verkürzen sich zu Reaktionen. Erfahrungen verdünnen sich zu Erlebnissen und Gefühle verarmen zu Emotionen und Affekten.
Und dann dieser Stelle komme ich wieder zum Moment unter den Wölkchenbäumen zurück. Es war eine Erfahrung und ein Gefühl, also nicht die verarmte Kurzversion eines emotionalen Erlebnisses (was durchaus auch schön sein kann). Im Wölkchenbaummoment wurde die Trennung zwischen äusserer Welt und innerer Wahrnehmung für einen unendlichen Augenblick lang aufgehoben. Und ja, es war ein magischer Moment absoluter Zweckbefreiung und vollkommener Aufmerksamkeit.
Die Sache mit der Endlichkeit
Jetzt kommt ein Punkt, an dem ich auf lange und intensive Erfahrung zurückgreifen kann. Ich räume ein, dass ich mich in meinem Leben sehr intensiv mit der Frage beschäftigt habe, wie ich meine vermeintlich knapp bemessene Zeit möglichst sinnvoll nutzen kann. Jahrelang habe ich nach ausgefeilten Zeitplänen gelebt, bin spätestens um 5 Uhr morgens aufgestanden und habe jede Minute nach meinem damaligen Erkenntnisstand sinnvoll genutzt. Ich kenne wahrscheinlich jeden der sieben Schritte, Stufen, Wege, Säulen oder was auch immer zur Effektivität und ich habe gelernt, dass ein Hamsterrad von innen wie eine Karriereleiter aussieht. Je mehr ich versuchte, meine Zeit gezielt einzusetzen, umso stressiger, leerer und frustrierender wurde mein Leben. Und ganz schlimm wurde es, wenn eine Aufgabe, die mir gegen meinen Willen aufgezwungen wurde, meinen mühsam erstellten Zeitplan über den Haufen warf. Dann konnte ich richtig unfreundlich werden, zu mir und zu anderen. Aber nun „das System“ für all die Höher-Weiter-Schneller-Blessuren verantwortlich zu machen, würde dann doch zu kurz greifen.
Diese ganzen Bemühungen, mit denen ich Kontrolle und Freiheit (!) über mein Leben erreichen wollte, hatten vor allem eine Ursache: die Angst vor der Endlichkeit. Irgendwann wurde mir klar, dass all meine Ablenkungsmanöver mir nur vorgaukeln sollten, dass es für mich keine Grenzen gibt, dass es eben immer höher, weiter und schneller geht. Heute weiss ich, dass sinnvolle Produktivität meist nicht dadurch entsteht, dass man sich beeilt, sondern dadurch, dass man sich Zeit lässt und sich der Zeit hingibt, die einem Prozess innewohnt. Und genau dieser letzte Punkt beinhaltet für mich einen Schlüssel: ich gebe mich der Zeit hin und akzeptiere zugleich, dass diese Erfahrung im gegebenen Moment alles ist. Damit stelle ich mich meiner Endlichkeit. Und ich kann dann vielleicht auch erfahren, wer ich bin, wenn mir keiner zuschaut.
Und was ergibt sich nun aus all diesen Überlegungen über die Ergebnisfalle, die Magie der Zwecklosigkeit und die Sache mit der Endlichkeit? Einfache Wahrheiten für sich zu klären ist das eine, für das eigene Leben etwas daraus abzuleiten etwas anderes. Den Sinn des Lebens lasse ich mal noch offen und versuche es stattdessen mit einem sinnvollen Leben. Und weil man ja in kleinen Schritten vorwärts gehen soll fange ich mal mit einem einzelnen Tag an. Ein sinnvoller Tag ist für mich heute einer, an dem ich eins nach dem anderen mit möglichst viel Aufmerksamkeit tue und in jedem Falle ist etwas dabei, das mir so richtig Freude bereitet, und sei es der Weg mit dem Fahrrad unter den Wölkchenbäumen. Ganz einfach.
Wer diese Gedanken vertiefen möchte, dem sei eine Fahrradtour wie auch folgende Literatur empfohlen:
Byung-Chul Han: Vita Contemplativa. Oder von der Untätigkeit. Ullstein Verlag 2023
Christian Uhle: Wozu das alles? Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens, Fischer Verlag 2022
Michael Hampe: Wozu? Eine Philosophie der Zwecklosigkeit, Hanser Verlag 2024
Oliver Burkeman: 4000 Wochen, Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement, Piper Verlag 2022

Liebe Marion, in deinem Beitrag spricht mir vieles aus der Seele – danke dir 🙂
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Ich danke Dir, liebe Annette!
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Liebe Marion
deine reichen Gedanken regen an und beglücken mich. Herzlichen Dank.
Liebe Grüsse
Doris
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Das freut mich sehr liebe Doris, herzlichen Dank!
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