Lagerfeuer-Blog der Schreibfreundinnen
Vergangene Woche bin ich umgezogen. Auch dieses Mal mit dem festen Vorsatz: so schnell tue ich das nicht wieder. Es könnte zutreffen, da ich dieses Mal nicht nur die Wohnung, sondern auch das Land gewechselt habe. Ich bin aus der Schweiz ausgewandert. Nach Deutschland. Und wer jetzt denkt, das sei nicht so ein grosser Unterschied, der irrt. Dazu aber andernorts mehr.
Bei Umzügen gibt es diesen magischen Moment, in dem alles im Umzugswagen verstaut ist. Wirklich alles. In diesem Falle sass sogar mein Mann drin, um die Zollformalitäten zu erledigen. Ich bin mit unserem Auto ein wenig später hinterhergefahren und als ich auf der Autobahn den Umzugswagen überholte, überkam mich eine fast unheimliche Flut von Gefühlen und Emotionen. Einerseits war es diese eigenartige Mischung von Glück und Freiheit, die Momente der unendlichen Möglichkeiten in sich tragen. Andererseits spürte ich eine tiefgründige Ruhe, die mir in dieser Intensität neu war. Es war eindeutig Stille. Es war die Stille des Dazwischen, und sie war magisch. Ich habe mich schon oft mit der Poesie der Zwischenräume auseinandergesetzt. Ich liebe diese Räume dazwischen, sie führen uns in unser Innerstes. So gibt uns jede Pause zwischen zwei Sätzen oder zwischen den Tönen die Chance, von aussen nach innen zu gehen, in den Raum hinter dem Denken.
Ich glaubte, dieses Konzept, das in Japan mit «Ma» bezeichnet wird, verstanden zu haben. Nun erfahre ich aber, dass Zwischenräume noch eine ganz andere Dimension haben können, nämlich dann, wenn das Alte noch nicht weg, das Neue aber auch noch nicht da ist. Ich bin ins Ungewisse ausgewandert und habe in meiner alten Heimat vieles hinter mir gelassen, das sich natürlich nicht einfach abstellen lässt. Was vor mir liegt, wird sich zeigen. Was ich nun tagtäglich fühle würde ich aber nicht als Stille bezeichnen. Es ist maximale innere Unruhe. Nicht im Sinne von Angst vor dem Ungewissen oder Zweifeln an den Entscheidungen, die ich getroffen habe. Vielmehr fühlt es sich an wie ein Häuten, ein Transformationsprozess von dem ich dachte, ich hätte ihn bereits hinter mir.
Dieser neue Zwischenraum ist eine Leerstelle, die ich nun einfach aushalten muss und auch will. Und manchmal ist sie unglaublich laut, was ich ja nicht so mag. Noch vor einiger Zeit wäre ich jetzt in einen Aktivismus verfallen. Ich hätte mir ein Trainingsprogramm aufgestellt, eine neue Ernährungsform ausprobiert, eine sauber durchgetaktete Morgenroutine eingeführt oder sonst irgendetwas angestellt was mir Sicherheit vorgegaukelt. Das kann ich gut, mache ich aber nicht. Nicht weil ich besonders vernünftig oder auf dem Weg zur Erleuchtung bin, sondern weil irgendetwas in mir drin sagt, dass diese Zeiten vorbei sind. Nicht nur in meiner eigenen kleinen Blase, sondern überhaupt. Meine Aufgabe in dieser Welt wird eine andere sein, weil nicht nur ich, sondern auch die Welt sich verändert hat, und zwar grundlegend. Und bis ich weiss was das ist und was es von mir will, halte ich es aus. Die Yogini in mir sagt mir aber auch, dass ich irgendeinen Weg finden soll, der mich vom AUSHALTEN ins INNEHALTEN bringt. Schliesslich habe ich mal mit Yoga begonnen, um ein wenig geschickter mit der Wirklichkeit umgehen zu können und nicht um Probleme und Sorgen zu verdrängen.
Sofern ich das Konzept richtig verstanden habe ist das AUSHALTEN grundsätzlich in der Welt des Karma Yoga zu verorten. Es erleichtert das Leben ungemein und funktioniert so: Ich tue immer das, was gerade zu tun ist, ohne meine Zufriedenheit davon abhängig zu machen. Dazu braucht es keinen Plan. Und ich fange keine innere Diskussion darüber an, ob es dann nicht auch noch bis morgen Zeit hätte. Hört sich einfach an? Ist es nicht. Aber es gibt immer wieder eine wohltuende Distanz zu meinem Ego, wenn es auch nur für eine halbe Stunde ist. Der Schritt zum Innehalten ist für mich damit aber nur halb getan.
Das INNEHALTEN bedeutet für mich, meine egoverquirrlten Gedankenschleifen immer wieder ins Sein zurückzuholen. Ist eine einfache Sache. Einen Anker setzen und Geist und Körper miteinander verbinden. Dafür gibt es ja verschiedene Rezepte über das von Hand Schreiben bis hin zu Zehensocken. Auch immer wieder beliebt: sich die Gedanken als die berühmten Wölkchen vorzustellen, die dann vorbeiziehen. Klappt bei mir nicht. Diese Wölkchen vermehren sich auf eigenwillige Weise und werden zur Wolkendecke, auch nach bald zwanzig Jahren Meditationspraxis. Aber die Sache mit dem Atem, die funktioniert zuverlässig. Einfach die Augen schliessen und wahrnehmen, was der Körper mit der Einatmung und mit der Ausatmung anstellt.
So pendle ich nun ein wenig zwischen Aushalten und Innehalten hin und her. Für den Moment ist dies mein Anker, der die Welt wieder etwas leiser werden lässt. Als ich beim Umzug bei Basel über die Grenze fuhr, lief «Schönen Gruss, Auf Wiedersehn» von den Toten Hosen im Radio. Vielleicht ist das Alte dann ja doch irgendwann vorbei.
Zwischenräume haben unterschiedliche Dimensionen. Komm und lies weiter, was sie für die anderen Schreibfreundinnen bedeuten:
