Bericht aus der Stille, Juni 2026
Die ersten drei Juniwochen verbrachten mein Mann und ich in unserem zweiten Zuhause in Spanien. Zu Beginn waren die Temperaturen so, dass man gerade noch wandern konnte, wenn auch langsam. Aber Langsamkeit ist ja seit einiger Zeit meine bevorzugte Art zu sein, also begab ich mich auf den Weg.
Meine Lieblingswanderung führt sechs Stunden der Küste entlang durch eine Vielzahl meist einsamer Buchten. Ich begegnete nur wenigen Menschen. Einer davon war Andrés. Mit schwerem Gerät bewirtschaftete er einen großen verwilderten Garten, indem man zwischen dem Gestrüpp ein kleines Haus erkennen konnte, wenn man genau hinschaute.
Als er mich sah, rannte er mir nach und fragte, ob es hier in der Nähe einen Laden oder eine Bar gebe, wo er Wasser kaufen könne. Ich kannte die Strecke bislang nur aus der Wintersaison und verneinte. Er schien durstig zu sein und ich bedauerte, ihn so schwitzend und enttäuscht zurückzulassen, aber ich hatte keine bessere Idee.
Nach einigen Hundert Metern verzweigte sich der Weg und ich entdeckte eine Strandbar, die saisonbedingt geöffnet war. Ich lief wieder zurück und berichtete Andrés von meiner Entdeckung. Verzweifelt schaute er mich an und meinte, er könne nicht weg, weil er seine Maschinen nicht alleine lassen wolle, sie würden sonst gestohlen. Ob ich ihm zwei Flaschen Wasser bringen würde? Er entschuldigte sich mehrfach für seine Frage und schwitzte dabei zunehmend.
Ich schaute mich um und fragte mich kurz, wer hier überhaupt etwas stehlen könnte, antwortete dann aber: »Kein Problem, ich habe Zeit.«
Nun schaute er mich derart ungläubig an, dass ich lachen musste. Er nahm einen 50-Euro-Schein aus seiner Brieftasche, drückte ihn mir in die Hand und bestellte drei Flaschen Bier dazu.
Nun schaute ich ungläubig: »Du hast viel Vertrauen«. Er habe noch nie jemanden getroffen, der Zeit habe. Er vertraue mir.
Nachdem ich die Bestellung und das Wechselgeld bei Andrés abgeliefert hatte, zog ich weiter. Dass es ein Geschenk ist, Zeit zu haben, ist mir mittlerweile bewusst. Und dass sich viele Menschen dieses Geschenk wünschen, auch. Nun fällt das Geschenk der Zeit ja nicht vom Himmel, es hat immer mit einem Verzicht auf etwas anderes zu tun. Dass ein Mensch Dinge weglässt, ob freiwillig oder unfreiwillig, ist aber kaum ein Grund, diesem zu vertrauen. Ich vermute, der Punkt liegt anderswo.
Auf etwas zu verzichten oder etwas loszulassen muss man üben. Im Gegensatz zum Festhalten ist das Loslassen nicht angeboren. Und der erste Schritt in diese Richtung ist oft das Loslassen von Nützlichkeitsüberlegungen. Wie oft am Tag tun wir etwas mit einer Um-Zu-Überlegung? Und wie oft vermuten wir das bei anderen? Und was macht das mit uns? Würden wir mehr Dinge um ihrer selbst Willen tun, wenn wir mehr Zeit hätten? War dies der Grund, weshalb mir Andrés ohne zu zögern seinen 50-Euro-Schein in die Hand drückte?
Am nächsten Tag beschloss ich, meinen Blasen an den Füssen keine Schuhe mehr zuzumuten. Ich legte mich in den Schatten und begann, ein Buch zu lesen, das sich in die träge Sommerhitze hinein ausbreitete, als sei es dafür geschrieben worden: »Erzähl mir alles« von Elisabeth Strout.
Da ich mich auf meine nächste schreibende Phase vorbereite, und gerne über das, was ich tun möchte lese, statt es zu tun, gesellten sich Bücher über das Schreiben und über das Erzählen dazu. So verbrachte ich die folgenden fast drei Wochen mit Elisabeth Strout, Elena Ferrante (»An den Rändern«) und Fritz Breithaupt (»Das narrative Gehirn«).

Elisabeth Strout ist eine stille Autorin. Ihre Bücher gehören deshalb zu meinen liebsten. Sie ist eine feine Beobachterin des einfachen Lebens. Strout schildert ihre Figuren in einer melancholischen Tiefe, in der man sich oft wiedererkennt und in die man deshalb immer tiefer eintauchen möchte. Sie erzählt das scheinbar Banale mit wohltuender Stille zwischen den Sätzen und gibt ihm so seine Bedeutung.
»Erzähl mir alles« ist ein Roman, indem sich die Lebenswege verschiedener Menschen aus dem fiktiven Städtchen Crosby in Maine immer wieder kreuzen und ineinander verhaken. Wer Strouts Bücher kennt, ist mit Crosby und den meisten Figuren vertraut. Dennoch kann man diesen Roman lesen, ohne die anderen zu kennen.
Es geht um nicht gelebte Liebe, Familiengeheimnisse, menschliche Abgründe, einen möglichen Kriminalfall und über den Schatten, den die Pandemie bei vielen Menschen hinterlassen hat. Aber es ist nicht die Handlung, die diesen Roman trägt. Es sind die vielschichtigen Figuren. Im Mittelpunkt steht das Menschsein mit all seinen Widersprüchen.
»Bob hat ein grosses Herz, was ihm aber so nicht bewusst ist; wie so viele von uns kennt er sich weniger gut, als er meint, und er würde niemals glauben, dass es in seinem Leben Dinge gibt, die festhaltenswert wären; doch es gibt sie, bei uns allen gibt es sie.«
Elisabeth Strout, Erzähl mir alles, S.9.
Strout beschreibt nüchtern und gleichzeitig einfühlsam, wie die Welt ihrer Figuren still und leise aus dem Lot gerät. Sie schreibt über einsame Spaziergänge unter Freunden, die Wichtigkeit des Erzählens und über die Verzweiflung, wenn die eigene Welt mit den Jahren immer fremder wird. Strout verwebt das Leben ihrer Figuren sanft mit der Umgebung und schafft so eine Melancholie, die man lange in sich trägt. Und so ist es am Ende ein versöhnliches Buch über das Älterwerden.
»Man kann wohl sagen, dass die Menschen, die schon lange hier leben, diese Schönheit unbewusst in sich tragen; sie dringt in sie ein, ohne dass sie es merken. Aber sie ist da; sie ist Teil ihrer Lebenslandschaft.«
Elisabeth Strout, Erzähl mir alles, S. 41.
Die Stimmung in diesem Roman schwingt bis heute in mir nach und je länger ich darüber nachdenke, glaube ich, dass es mit dem Thema der Nützlichkeit zu tun hat. Die lineare Zeit spielt in Strouts Romanen kaum eine Rolle. Ihre Figuren wollen nichts erreichen, vielmehr geht es darum, sich an sich selbst zu gewöhnen.
Nicht zum ersten Mal beschleicht mich beim Lesen von Elisabeth Strouts Romanen der Wunsch, bei meinem Schreiben solche Schwingungen zu erzeugen. Aber eigentlich soll ich ja meine eigene Stimme finden.
Wie so oft fallen mir zur richtigen Zeit die passenden Bücher in die Hände. Das ebenso kleine wie gehaltvolle Büchlein von Elena Ferrante »An den Rändern« besteht aus vier überaus lesenswerten Essays, in welchen sie schildert, wie sie Leserin und Autorin geworden ist, was sie beim Schreiben umtreibt und was weibliches Schreiben bedeutet. An dieser Stelle möchte ich nur einen der zahlreichen Aspekte herausheben, die zum Nachdenken anregen: Sie räumt auf mit dem Mythos der eigenen Stimme:
»Was wir triumphierend für unser Eigenes halten, gehört tatsächlich anderen. (…) Verabschieden wir uns von der Vorstellung, dass Schreiben bedeute, auf wundersame Weise eine eigene Stimme, einen eigenen Tonfall freizusetzen (…). Schreiben bedeutet, sich in allem niederzulassen, was schon geschrieben wurde (…) und daraus, innerhalb der eigenen schwindelerregenden, übervollen Individualität, wiederum Literatur zu machen.«
Elena Ferrante, An den Rändern, S. 58.

Sich in dem niederlassen, was schon geschrieben wurde und weiterschreiben, ohne der eigenen Stimme hinterherzuschreiben. Diese Gedanken befreien mich ungemein. Nicht nur, weil sie mich zum hemmungslosen Weiterlesen motivieren, sie befreien mich weitgehend von Nützlichkeitsüberlegung das Schreiben betreffend.
Diese Gedanken reihen sich in das ein, was Fritz Breithaupt in seinem Buch »Das narrative Gehirn« beschreibt. Wer in Geschichten denkt, tut dies in Episoden mit Anfang, Mitte und Ende. Soweit so Aristoteles. Am Ende einer Episode wird das narrative Gehirn mit einer Emotion belohnt.
Interessant ist die Mitte einer Episode. Dort weiß man nicht, wie es ausgeht und wenn doch, tut man als Leserin oder Leser wenigstens so als ob es nicht so wäre. Das lesende Ich weiss um diesen Genussmoment der verschiedenen Möglichkeiten, wie eine Geschichte ausgehen könnte.

Dieses Denken in Möglichkeiten unterscheidet das narrative Gehirn von unserem Gehirn im Alltagsmodus, das ständig Voraussagen trifft, um uns vor dem Säbelzahntiger oder sonstigen Gefahren zu schützen.
Das narrative Gehirn trifft keine schnellen Entscheidungen, es genießt, lässt sich in der Geschichte nieder und lebt mit den Figuren mit. So entsteht beim Lesen Intensität und Empathie.
So ähnlich ist es doch beim Schreiben, denke ich gerade. Man lässt sich in so vielem, was man schon gelesen hat nieder, und die Welt ist voller Möglichkeiten. Und wenn ich mir erlaube, diesen Moment zu genießen, lösen sich Nützlichkeitsüberlegungen auf in der Zeit.
Wenn mein Mann und ich in Spanien sind, führen unsere morgendlichen Spaziergänge durch die Sanddünen zwischen Fluss und Meer. Eines Morgens fragten wir uns, ob wir das Bedürfnis hätten, etwas nachzuholen im Leben. Nach einem längeren Schweigen sagte mein Mann: »Wenn ich überhaupt ein Bedürfnis habe, etwas nachzuholen, dann ist es Unbekümmertheit.«
Für einen Moment fühlte ich mich wie in einem Roman von Elisabeth Strout. Und ich spürte die Stille in diesem Satz. Vielleicht ist es genau das, was mir an der Stille so gefällt. Sie öffnet in mir einen leeren Raum, der gefüllt ist mit etwas, das allem Sinn gibt.
Elisabeth Strout, Erzähl mir alles, Luchterhand 2026
Elena Ferrante, An den Rändern, Suhrkamp 2026
Fritz Breithaupt, Das narrative Gehirn, Was unsere Neuronen erzählen, Suhrkamp 2022
