Bericht aus der Stille Juli 2026
Der Sommer war noch nie meine bevorzugte Jahreszeit. Verspürt man keinen Drang, an den allgemeinen Sommerfestivitäten teilzunehmen, ist das erklärungsbedürftig. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Das Leben scheint mitten in der Hitze still zu stehen. Eigentlich ganz mein Ding und ich habe alle Zeit der Welt, mich mit ein paar Hindernissen zu beschäftigen.

Das erste Hindernis begegnete mir in einem Yogaretreat, in dem wir uns mit Elefanten beschäftigten. Elefanten sind interessante Tiere. Sie gelten als stark, intelligent, weise, gelassen, spielerisch, sehr sozial und fürsorglich. Im Hinduismus wird vor allem Ganesha als Gott der Weisheit, des Erfolgs und der Neuanfänge verehrt, auch wegen seiner Fähigkeit, Hindernisse zu überwinden. Und so versuchten wir die ganze Woche, es Ganesha gleich zu tun.
In einem Yogaretreat ist man nicht selten mit dem Thema Nähe und Distanz konfrontiert. Man möchte selbst zur Ruhe kommen, sich zurückziehen und doch ist die Verbindung mit anderen gefragt. Elefanten sind ja soziale Wesen.
So wie ich den Yogaweg verstehe, geht es letztlich um die Auflösung des Ego. Und genau dies fällt mir nirgendwo so schwer wie in einem Yogaretreat. Bekomme ich beispielsweise kein Einzelzimmer, mag ich da nicht hingehen.
Ich hatte ein herrliches Einzelzimmer. Es war so schön, dass ich morgens in aller Frühe aufstand, um noch ein wenig in Ruhe zu lesen und zu schreiben.


Eines meiner Juli-Bücher war »Ohne Respekt. Eine soziale Krise.« des südkoreanisch-deutschen Philosophen Byung-Chul Han. Seine Gedanken über ein respektgeleitetes Miteinander, das auf Aufmerksamkeit und gegenseitiger Anerkennung beruht, trugen mich (ungeplant) durch die gruppendynamischen Prozesse dieser Woche.
Ein paar Gedanken, die mich bei all meinen Beobachtungen an mir selbst und um mich herum zuverlässig in eine elefantengleiche Gelassenheit zurückbrachten:
Im Zusammenhang mit gegenseitigem Respekt weist Han unter anderem auf die Bedeutung des Takts hin. Takt bedeute, andere nach ihrem Maßstab und nicht nach dem eigenen zu messen. Takt sei auch eine Frage der Distanz.
Besonders interessant fand ich die folgende Überlegung: Han macht darauf aufmerksam, dass für den Takt das Schöne und der Geist des Luxus wesentlich seien. Damit meint er nicht materiellen Luxus, sondern Freundlichkeit, absichtsloses Lächeln und das bewusste Abweichen von Not und Notwendigkeit. »Der Takt spielt mit dem schönen Schein. (…) Der Takt errichtet eine schonende Schutzzone gegen die eruptive Direktheit, Distanzlosigkeit und Enthemmung.«
Und weiter: »Wer Takt besitzt, traktiert andere nicht.«
Nachdenklich machte mich die folgende Überlegung: »Je moralisierender eine Gesellschaft ist, desto taktloser und unhöflicher ist sie. Im Gegensatz zum moralischen Imperativ ist der Takt spielerisch, ja tänzerisch. Er verleiht dem sozialen Umgang eine Grazie, die ebenfalls in die Sphäre des Luxus gehört.«
Meine Erfahrung der vergangenen Jahre ist in der Tat, dass mich der Umstand, Zeit zu haben, sehr viel reicher macht. Natürlich nicht materiell, auf dieser Seite ist ein wenig Kreativität gefragt. Han’s Ausführungen bestärken mich jedenfalls in meiner Vermutung, dass die wahren Reichtümer des Lebens wie Zeit, Genuss oder Freundlichkeit nicht nur für uns ganz persönlich heilsam sind, sondern auch für unser Zusammenleben.

Ein weiteres Juli-Buch oder eher Büchlein (wenn es so heiß ist, kann man nur sehr langsam lesen) waren die »Gedankenspiele über die Einsamkeit« von Milena Michiko Flašar. Wie viele der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ich gerne lese, ist auch sie eine der leisen Töne. Eigentlich hätte sie aufgrund der Anfrage ihres Verlags über die Liebe schreiben sollen. Dazu wollte ihr aber ad hoc nichts einfallen. Zu groß erschien sie ihr, zu weit auch, zu hoch, zu schön, zu hell. Sie schlug deshalb vor, über die Einsamkeit zu schreiben, aus ihrer Sicht ein scheinbares Gegensatzpaar. Wo die Liebe ist, ist auch die Einsamkeit. Das Büchlein zog mich nach diesen Vorbemerkungen sofort in seinen Bann.
Im Yogaretreat sollten wir uns auch an unsere eigenen Hindernisse herantasten. Das musste ich nicht einmal, da ich mein Aktuelles sehr genau kannte. Schon seit einigen Wochen schob ich es von einer Ecke in die andere: Ich tat mich unglaublich schwer damit, mein Buch »Mut zur Stille« zu vermarkten. Immer wieder tröstete ich mich damit, dass man sich nicht die introvertierteste aller Tätigkeiten aussucht, um nachher laute Werbung zu machen. Zudem verbietet der Buchtitel schon ein solches Tun. Das Buch soll den stillen Weg in die Welt finden, und der führt kaum über Instagram und BookTok, zumal ich beide Orte noch nie besucht habe.
Byung-Chul Han schreibt dazu sehr schön: »Wir bewohnen nicht mehr Himmel und Erde sondern Google Earth und Cloud.« Ich bin definitiv der geerdete Typ, stoße aber mit diesem Anders-Sein immer wieder auf Unverständnis.
Hier kommt mir Milena Michiko Flašar zu Hilfe, indem sie schreibt, dass die einsame Bürde des Anders-Seins eine identitätsstiftende ist. »Sie definiert einen – und das gründlich!«. Ich fühle mich gesehen und schliesse daraus, dass mein Anders-Sein kein Hindernis ist.
Und mit dieser Erkenntnis zog ich direkt zu einem anderen Ort, nämlich zu meiner ersten kleinen aber feinen Buchlesung nach Wien.
Auf dem Weg dorthin las ich mein nächstes Juli-Buch: »Contrapposto« von Dave Eggers. Ein einnehmender Roman über die verführerische, enttäuschende und zermürbende Welt der Kunst und was es eigentlich bedeutet, Künstlerin oder Künstler zu sein. Und über die Liebe und das Leben und den Glauben daran, die Welt verändern zu können.


Den Ort für meine Lesung schuf mir Susanne Öhlschläger von »Finde-Deine-Spur«. Sie gehört zu den Menschen, die auf ihre eigene sanfte Weise die Welt verändern, indem sie andere Menschen berührt und miteinander verbindet. So hat mich Susanne an diesem Abend mit wundervollen Menschen verbunden, die der Lesung nicht nur beiwohnten, sondern auch aufmerksam zuhörten. Und die mein Buch weiter in die Welt tragen werden.

Während der Lesung wurde mir irgendwann die Frage gestellt, die für mich mittlerweile erwartbar, verständlich und dennoch verstörend ist: »Wovon lebst Du denn jetzt?«
Ich dachte an die Protagonisten in Dave Eggers Roman, die sich ihr ganzes Leben lang immer wieder neu erfinden, weil sie an ihre Kunst glauben. Ich bin mir sicher, dass alle Menschen, die Dinge um ihrer selbst willen tun, und dabei versuchen, die Balance zwischen dem Vertrauen ins Leben und der materiellen Sicherheit zu halten, diese Frage kennen. Ob sie auch jedes Mal in die Rechtfertigungsschleife geraten, so wie ich?
Später wurde mir im Gespräch mit der faszinierenden Wiener Künstlerin Nike Kasis bewusst, dass ich ganz anders hätte reagieren sollen. Nike Kasis malt Bilder mit einer Schönheit und Tiefe, wie ich sie noch nie gefühlt habe. Dieses Gefühl lässt mich verstehen, was Byung-Chul Han meint, wenn er von Luxus schreibt. Eines dieser Bilder strahlt nun neben meinem Schreibtisch direkt in mein Herz.
Auf die Frage hin hätte ich sagen sollen: »Ich lebe von meinen Büchern. Und von allem, was mir Freude macht.«

In Dave Eggers Roman gab es für mich einen Schlüsselmoment, indem der Protagonist Cricket ein ganz besonderes Kunstwerk erschafft: »Was ihm in diesem Moment und jahrelang danach verborgen bleiben sollte: Nur das zählte. Diese Stunden. Die Stunden der Schöpfung und die Stunden, in denen er sich am Feuer seiner Schöpfung wärmte. Allein, dass er Ekstase spüren konnte, aus sich selbst heraus, aus dem Nichts.«
Da ist es wieder: Das Spielerische, das Tänzerische, der Genuss, der Luxus. Der Boden, auf dem der Takt bereitet wird, der wiederum Voraussetzung für ein respektvolles Miteinander ist. Auch ich will daran glauben, die Welt ein ganz kleines bisschen verändern zu können.
