Bericht aus der Stille August 2026
Seit einiger Zeit beschleicht mich eine eigenartige Melancholie, wobei ich gar nicht weiß, ob dieses Wort meinem Empfinden gerecht wird. Es ist eine besondere Form von Stille, die sich wie ein Stillstand anfühlt. Eine lähmende Stille. Im August war sie eindrücklich.
War es der apokalyptisch anmutende Sommer? Oder das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören, das sich jenseits der Lebensmitte einschleicht? Ungefähr dann, wenn man keine App installieren möchte, um legal zu parken und sich weigert, einen Account zu eröffnen, um eine Strickanleitung herunterzuladen? Oder ist es die Weltlage, die seit einiger Zeit wenig Anlass zur Freude gibt? Lange tröstete ich mich damit, dass es schon immer Krisen gab, aber nicht so viele Informationen. Trost reicht aber gerade nicht mehr.
Vor bald drei Jahren bin ich von der Schweiz nach Deutschland ausgewandert. Diese Aussage wird in der Schweiz gerne belächelt: »Ausgewandert? Das ist doch eher umziehen.« Der Wechsel von einem Nicht-EU-Land in ein EU-Land bringt Formalitäten mit sich, die man im Vorfeld besser verdrängt. Man sollte auch nicht davon ausgehen, dass in beiden Ländern dieselbe Sprache gesprochen wird. Dabei hatte ich erleichterte Bedingungen. Aufgewachsen mit einem deutschen Vater und einer Schweizer Mutter und ausgestattet mit beiden Pässen ging ich von einem vereinfachten Prozess aus. Seither habe ich viel gelernt.
Kürzlich las ich in der F.A.Z. einen Artikel, wonach sich viele in Deutschland lebende Menschen überlegen, wohin man auswandern könnte, um sich vor administrativen Zumutungen, maroder Infrastruktur, dem nächsten Krieg oder der eigenen Sicht auf die Welt in Sicherheit zu bringen. Die meisten würden gerne in die die Schweiz auswandern. In diese Richtung ist es dann doch auswandern, stelle ich fest.
In der Schweiz werde ich immer wieder gefragt, ob ich etwas vermissen würde. Klar, tue ich. Einen Arzttermin zu bekommen, wenn ich einen brauche. Die Swisscom, die SBB und die behördliche Zugänglichkeit. Mittlerweile sind das aber Befindlichkeiten aus dem Luxussegment und Perfektion machte mich schon immer misstrauisch. Vodafone und die Deutsche Bahn haben ihren eigenen Charme und zudem Weiterbildungscharakter. Da kann jedes Gelassenheitsretreat einpacken. Ich habe gelernt, mich zu organisieren und den Überraschungseffekt, wenn etwas einfach funktioniert, möchte ich nicht mehr missen.
Um es vorwegzunehmen: Ich werde hier nicht in den allgemeinen Tenor der Deutschen und vor allem der Schweizer Medien einstimmen, die den Niedergang Deutschlands prophezeien. Deutschland ist ein großartiges Land. Die Schweiz auch. Und das Bashing hüben wie drüben geht mir gehörig auf die Nerven. Und dennoch.
Da ist etwas schwer zu Beschreibendes. Ich vermisse es nicht, wenn ich in Deutschland bin, aber in der Schweiz fällt es mir auf. Ich vermisse diese Sorglosigkeit, die ich nie gespürt habe, als ich noch in der Schweiz lebte. Jetzt spüre ich sie und ich beginne zu verstehen, weshalb man sich in der Schweiz vor der allgemeinen Weltuntergangsstimmung verstecken möchte. Ich frage mich nur, ob es um ein Refugium geht, zumal ich nicht glaube, dass es ein solches gibt.

Die Schriftstellerin Ece Temelkuran, die 2016 aus politischen Gründen die Türkei verlassen musste und derzeit in Berlin lebt, umschreibt in ihrem eindrücklichen Buch »Nation of Strangers« dieses Gefühl, für das mir bisher die Worte fehlten, wie folgt:
»Es liegt eine Traurigkeit in der Luft. Sie ist noch schwach, aber real. Als würden wir nicht das betrauern, was schon verloren ist, sondern das, was wir ganz sicher verlieren werden. Zum ersten Mal in der Geschichte trauert die Menschheit im Tempus der Zukunft.«
Ece Temelkuran: Nation of Strangers. Unsere Heimat sind wir. Rowohlt Verlag Hamburg 2026, S. 16
Manchmal erscheint es mir, als wollten wir nicht wahrhaben, dass ein friedlicher Samstagnachmittag im Spätsommer mit Bundesligakonferenzschaltung, Vorbereitungen auf den Grillabend und den Verkehrsmeldungen auf SWR 3 über ein entlaufenes Pony auf der A 1 im Hintergrund zu Ende geht.
Ich hatte das Glück, bisher an einem sicheren Ort und in einer fast sonderbar anmutenden friedlichen Zeit leben zu dürfen. Zugegeben, die Erinnerung ist verzerrt, tatsächlich war sie wohl sehr kurz. Aber es gab eine Zeit, in der man nicht lernen musste, mit politischen Kräften umzugehen, wie sie sich heute zeigen. In denen Rechtsextremisten die Wahlen gewinnen, die Sprache verroht und der Ton immer schriller wird.
Auch hier drückt Ece Temelkuran aus, was für mich in der Luft liegt (S. 16): »Trotzdem arbeiten wir weiter, handeln, leisten sogar weiter Widerstand. Doch das Wissen ist da. Unsere Lebensfreude, unser Grundvertrauen in das Leben sind erschöpft. (…) Deshalb beschließen tagtäglich viele, zu viele, gefühllos zu werden, um als Überlebensautomat weitermachen zu können. Die Zeiten lassen alles Menschliche verwaisen. Es entsteht eine kaltschnäuzige Welt; sie wird Leuten wie Ihnen und mir die Heimat rauben.
Diese ganz neue Melancholie ist der Schmerz über den Heimatverlust, der sich auf unterschiedlichen Ebenen und in vielen Bereichen vollzieht. Und deshalb suchen wir alle, jeder Mensch auf seine Weise, manchmal fast unwillentlich eine neue Heimat.«
Seit einiger Zeit frage ich mich, welches Land ich als meine Heimat bezeichnen würde. Die Sache mit Traditionen, die sich über viele Generationen in einer Familie entwickelt haben, ist mir gefühlsmäßig fremd, dort lässt sich keine Antwort finden. Dennoch spüre ich etwas in mir, das beginnt, für etwas einzustehen, das ich als Heimat wahrnehme: Für die Möglichkeit, wählen zu können, im doppelten Wortsinne. Für die Freiheit, für die ich Verantwortung trage.
Dieses Gefühl führte mich zur Lektüre von allerlei Büchern, die mit einem Land zu tun haben, in dem genau dies nicht mehr möglich ist und vielleicht noch nie war. Eines dieser Bücher war »Russische Spezialitäten« von Dmitrij Kapitelman.
Es geht um die Familie des Autors aus Kyjiw, die schon seit vielen Jahren in Leipzig lebt und dort in ihrem kleinen Laden russischen Spezialitäten oder vielmehr ein osteuropäisches Zusammengehörigkeitsgefühl verkauft. Dies ändert sich mit dem russischen Überfall auf die Ukraine. Von den Rissen, die seither durch Länder, Familien und Menschen gehen, handelt dieses Buch. Dmitrij Kapitelman schreibt tragisch, zärtlich und komisch zugleich, wie er versucht, seine Mutter von den russischen Fernsehlügen zu befreien und an seiner Liebe zur russischen Sprache nicht zu verzweifeln.

Neben vielen anderen hat mich eine Stelle im Buch besonders berührt: »Seit der Invasion habe ich das Gefühl, kein richtiger Mensch mehr zu sein. Die unerträglich und unerträglich sinnlose Tragödie, die Russland in mein Geburtsland gebracht hat. Ich blende sie aus, um in meinem friedlichen, vom dummen Glück okkupierten Leben zu funktionieren. Ich leide nicht voll daran. Ich leide mit, manchmal. Zu Selbstmitleid unberechtigt, ich weiß. Das ist natürlich nur psychologisch rational, um nicht zu sagen menschlich. Aber das Teiltrauern hat auch dazu geführt, dass ich nicht mehr vollständig lache. Ich lache mit. Ein Teil, der zum vollständigen Lachen unverzichtbar ist, wurde weggesperrt. Und ebendieser schaut einem dann ausdruckslos und dennoch missbilligend beim Lachen zu.«
Dmitrij Kapitelman: Russische Spezialitäten, Hanser Berlin 2025, S. 106
Da ist sie wieder, diese lähmende Stille, denke ich. In den letzten Jahren habe ich die Stille intensiv erkundet. In dieser Zeit habe ich vieles gelernt, allem voran dies: Wo Stille nur eine Reaktion auf Lärm ist, stimmt etwas nicht.

Matthias Brandt schreibt in seinem Essay »Nein sagen.« dazu: »Trotzdem denke ich, dass wir Lehren aus der Geschichte ziehen müssen. Um uns zu erinnern, wie schnell Sprache verroht, wie leicht Menschen aus der Gemeinschaft herausdefiniert werden können, wie still es werden kann, wenn die Feinde der Demokratie laut werden.«
Matthias Brandt: Nein sagen. Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute, Kiepenheuer & Witsch Köln 2026, S. 61
Stille ist gerade auch keine Lösung. Und bei diesem Gedanken lese ich bei Dmitrij Kapitelman (S. 179), was schon die ganze Zeit in mir klingt: »Heimat ist der Ort, der einem nie egal wird.«
