Auf der Suche nach Geduld

Bericht aus der Stille, Oktober 2026

Lange Zeit glaubte ich an das Konzept einer klaren Tagesstruktur. Immer zur selben Zeit aufstehen und schlafen gehen, regelmäßige Mahlzeiten und ein klar festgelegtes Bewegungsprogramm. Ich ging davon aus, dass mich nur ein gut organisierter Tagesablauf unbeschadet durch die Herausforderungen des Alltags bringen kann.

Seit einiger Zeit zweifle daran, ob diese Idee der Restsicherheit in unsicheren Zeiten wirklich Sinn macht. Der Grund für meine Zweifel ist ausgerechnet die Sache mit der Geduld.

Geduld war für mich schon immer eine große Aufgabe. Mein Geist hat ständig das Gefühl, dass da noch etwas Wichtigeres, Interessanteres, Schöneres oder einfach anderes zu tun ist. Auf diese Suchbewegungen hatte bisher auch meine langjährige Yoga- und Meditationspraxis keinen nennenswerten Einfluss ausser, dass mir meine mangelnde Konzentration mittlerweile bewusst ist. In jedem Falle macht sie mich ungeduldig.

Über Geduld kann man viel von den Stoikern lernen. Der Stoizismus erinnert uns unter anderem daran, dass wir uns auf das konzentrieren sollten, was wir beeinflussen können. Bloß scheint das aktuell ziemlich wenig zu sein.

Der Neurowissenschaftler Ken Mogi, der mit seinen Büchern über die japanische Lebenskunst seit vielen Wochen auf den Bestsellerlisten vertreten ist, hat sich in seinem neuesten Werk mit dem »Stoizismus für moderne Zeiten« befasst. Seine Thesen sind nicht neu, dennoch ist es interessant zu lesen, wie die stoischen Grundsätze uns dabei unterstützen können, durch die aktuellen digitalen, klimatischen und politischen Stürme zu navigieren.

Ken Mogi, Der alte Weg zu einem guten Leben, Stoizismus für moderne Zeiten, DuMont Buchverlag Köln 2026

Nach der Lektüre schien mir jedenfalls das wenige, was wir tun können, doch ganz schön viel zu sein.

Ken Mogi setzt der nicht abebbenden Optimierungswelle entgegen, dass wir uns an die eigenen Voraussetzungen anpassen und anderen dasselbe erlauben sollten. Denkt man dies weiter, erscheint beispielsweise die Smartwatch am Handgelenk in einem ganz neuen Licht. Und wenn ich mir vor Augen führe, dass ich mein berufliches Leben über weite Strecken damit verbracht habe, mich äusseren Strukturen und Umständen anzupassen, so ist diese Umkehr der Anpassung ein interessanter Perspektivenwechsel. Und auch ein ehrlicher und befreiender Blick auf die eigenen Möglichkeiten und Grenzen.

Interessant ist auch, was Ken Mogi über Kreativität sagt, die ja auf den ersten Blick gar nicht so sehr zum Stoizismus passt, geht es bei Letzterem doch eher um Balance und Zurückhaltung:

»Meiner Ansicht nach ist jeder kreative Mensch stoisch, oder sollte stoisch sein, weil er oder sie sich beim Erschaffen von Dingen an eine innere Logik und organische Struktur halten muss.« (S. 91)

Mogi spricht hier von inneren Systemen, wie den Gesetzen der Physik, der Musik und allen größeren Zusammenhängen der Welt, auf die wir uns einlassen müssen, wenn wir kreativ sein wollen.

Das Spannungsfeld zwischen dem Bedürfnis nach Struktur und dem Wunsch nach Kreativität treibt mich schon länger um. Wohl nicht ganz zufällig ist mir beim Stöbern in meiner Lieblingsbuchhandlung das Buch »Nichts als Freude!« von Steven Uhly begegnet. Ein Roman über das Romanschreiben.

Im Mittelpunkt stehen Gespräche zwischen einem Schriftsteller, der bereits zahlreiche Romane veröffentlicht hat, und einer angehenden Schriftstellerin, die wissen will, wie es sich anfühlt, einen Roman zu schreiben. Es geht also nicht um Techniken des Romanschreibens, über die es mittlerweile eine unüberschaubare Anzahl von Büchern gibt. Vielmehr geht es um die Erforschung dieser mysteriösen Quelle, aus der wir Menschen etwas schöpfen, dass im Nachhinein als Erzählung, Roman oder Geschichte bezeichnet wird.

Steven Uhly, Nichts als Freude! Eine Liebeserklärung an die Literatur, Secession Verlag Berlin 2026

»Nichts als Freude!« ist eine kluge Erzählung darüber, worum es bei der Literatur geht:

»Denken, Fühlen und Wahrnehmen gemeinsam zum Ausdruck zu bringen«. (S. 72)

An einer Stelle wird Uhly dann doch ein klein wenig technisch, aber nur auf den ersten Blick. Er spricht über die verschiedenen Arten, eine Geschichte zu erzählen und vor allem darüber, worauf man sich einlässt, wenn man sich auf die Erzählreise begibt. Zum einen nennt er die »Route«, wonach die Handlung vom Beginn bis zum Ende durchgeplant wird. Bei der »Safari« kennt man den Anfang der Geschichte und das Ende, aber nicht den Weg, auf dem man von einem zum anderen Punkt gelangt. Beim »Vagabundieren« weiß man nicht, wie der Weg verläuft und auch nicht, welches das Ziel ist.

Bis anhin dachte ich, ich sollte eine Routen-Schreiberin sein. Wie man eine Route festlegt, kann man lernen und es passt auch in mein sicheres Tagesstruktur-Konzept. Beim Vagabundieren hingegen muss ich mich einlassen auf die Unsicherheit. Und dieser Gedanke führt nun mich zu einem Perspektivenwechsel: Würde ich mich auf das Vagabundieren einlassen, könnte und müsste ich aufhören zu suchen. Ich müsste mich eben einlassen.

Das Schöne beim Vagabundieren ist nämlich, dass man alles in dem Augenblick versteht, in dem es passiert, wenn auch nur zum Teil bewusst. »Das Unterbewusstsein kommuniziert mindestens so detailliert und umfangreich wie das Bewusstsein«, so Steven Uhly (S. 129). Beim Vagabundieren schreibt man nach einem Muster, das sich in der Geschichtsschreibung und im Unterbewusstsein offenbart (S. 131).

Das wiederum passt zur genannten Aussage von Ken Mogi, dass man sich beim Erschaffen von Dingen an eine innere Logik und organische Struktur halten muss.

Lasse ich mich also ein auf die Unsicherheit und beginne, eine innere Struktur vagabundierend zu entdecken, kann ich aufhören, eine äußere Struktur (wie eine Route) zu suchen. Ob mich das zu einem geduldigeren Menschen macht?

Vielleicht sieht mein vorläufiges Fazit so aus: Wenn man aufhört zu suchen und sich auf Unsicherheit einlässt, kann man Geduld entwickeln.

Wie bereits erwähnt war Geduld für mich schon immer eine große Aufgabe. Von den Stoikern habe ich gelernt, wie man mit Dingen umgehen kann, die richtig groß sind (dazu gehören neben der Geduld auch die digitalen, klimatischen und politischen Wandlungen unserer Zeit): sich immer nur auf den nächsten Schritt konzentrieren. Oder mit den Worten von Ken Mogi (S. 192):

»Stoizismus ist, wenn unsere nächste Handlung Sinn ergibt.«

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Marion

Autorin, Dozentin, Yogalehrerin

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