Unvollkommen unvernünftig

Bericht aus der Stille, September 2026

Ich habe mich entschieden, dass Schreiben nun mein Beruf ist. Ich tue es täglich, es macht mir meistens Freude, und ein Blick auf die Provisionsabrechnung meines Buches sagt mir, dass ich nicht nur für mich, sondern auch für meine Leserinnen und Leser schreibe. Das kommt der Definition eines Berufes ziemlich nahe, finde ich, auch wenn ich im Moment noch nicht mal einen Monat lang davon leben könnte. 

Dieser Entscheid ist sehr unvernünftig. In Zeiten, in denen die KI vielen Schreibenden die Arbeit abnimmt, kann man so etwas eigentlich nicht tun. Dass ich es dennoch tue, macht rückblickend gesehen aber durchaus Sinn.

Im Laufe eines Lebens können sich verschiedene Berufe ansammeln. Dies kann äußere Gründe haben oder innere. Ich hatte einmal Jura studiert, weil ich dachte, es hätte etwas mit Gerechtigkeit zu tun und habe 30 Jahre lang feststellen müssen, dass dem nicht ganz so ist. Ernsthafte Gerechtigkeitsarbeit scheint zudem aus der Mode gekommen zu sein, was mich nicht daran hindert, es trotzdem zu tun, aber nicht mehr hauptberuflich. So wurde ich im Laufe der Zeit Yogalehrerin, obwohl ich zu Beginn keine Ahnung hatte, worum es beim Yoga überhaupt geht. Nach nunmehr 15 Jahren glaube ich immerhin, der Sache auf der Spur zu sein. Was ich eigentlich sagen will: Meine Motivation, mich für eine Tätigkeit zu entscheiden, war noch nie sonderlich vernünftig.

Was dieses Mal anders ist, ist der Umstand, dass ich in der Konkurrenz der KI eine große Chance sehe. Das gibt der Sache einen Anschein von Vernunft. Die KI macht ihre Arbeit perfekt. Auch wenn wir es nicht gerne hören: Die Formulierungen der Sprachmodelle sind gut, manchmal richtig gut und sie werden immer besser.

Auch ich bin Perfektionistin. Was mich aber von der KI unterscheidet ist unter anderem, dass ich Dinge vor mich herschiebe. Egal, ob es solche sind, die ich gerne tue (Spazieren gehen, eine Freundin anrufen, diesen Blogbeitrag schreiben) oder nicht gerne tue (Steuererklärung ausfüllen, Rechnungen bezahlen, den Keller aufräumen). Ich weiß, dass Perfektionismus der Feind des Erledigten ist. Das bedeutet, dass ich ständig in Sorge bin um das „Gut genug“ von etwas, das ich noch nicht einmal angefangen habe.

Ich war nie sonderlich fehlertolerant. Vor allem nicht bei mir selbst. Seit einiger Zeit stelle ich aber fest, dass ich mich freue, wenn ich irgendwo in der Zeitung oder in einem Buch Tippfehler entdecke. Das lässt mich hoffen, dass der Text von einem Menschen verfasst wurde. Könnte es sein, dass mich die KI gerade davon befreit, perfekt sein zu müssen, weil gar niemand mehr dieses geschliffene Zeugs lesen will?

Passend zu diesem Thema las ich im September das kleine gehaltvolle Büchlein von Rüdiger Safranski: »Die vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz.«

Safranski umschreibt anschaulich, was den lebendigen Geist ausmacht. Er erinnert daran, dass der Mensch im Unterschied zu Algorithmen über ein Bewusstsein verfügt, Emotionen wahrnimmt, über sich selbst nachdenken und sich frei entscheiden kann. Das sind große Fragen der Philosophie, die Safranski vor dem Hintergrund der KI in ihre Einzelteile zerlegt.

Zahlreiche Stellen im Buch wären hier erwähnenswert. Zwei davon haben mich in Bezug auf das Schreiben besonders nachdenklich gemacht:

Safranski weist darauf hin, dass das Denken nicht bei sich selbst anfängt, sondern mit einer Stimmung und in ihrer Atmosphäre. Stimmungen werden erlebt, sie sind erlebte und gelebte Zeit.

»Stimmung ist: wie es sich anfühlt – zu sein. (…) In der Stimmung erfahren wir die Grenze unserer Selbstbestimmung.«

Rüdiger Safranski: Die vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz., Hanser Verlag München, 2026, S. 55

»Im Unterschied zur genau geregelten rechnerischen Rationalität gehören Stimmungen, Gefühl und Spüren zur lebendigen Welt des Ungenauen. Das Leben ist ungenau, von Ambivalenzen und Unschärferelationen bestimmt.« (S. 59)

Und genau das ist es, was das Schreiben für mich ausmacht. Nicht die Sachlichkeit, die einen Gedanken aus einer Stimmung herauslöst, sondern diese lebendige Welt des Ungenauen. Gelangt man beim Schreiben in diese Welt, kann man innere Schätze heben.

Weiter betont Safranski, dass wir geistig in mehreren Welten leben: Im Wirklichen und Möglichen, im Gegenwärtigen, im Vergangenen und im Zukünftigen. Diese Erfahrung zeichne den menschlichen Geist aus. Die KI hingegen sei ein »Denkzeug«, das uns zeige, dass es noch eine andere Art des Denkens gebe, ohne Bewusstsein und ohne Innenleben.

»Denkzeug«. Ein schöner Begriff. Klar, nüchtern, frei von jeder Stimmung. Daran ändert sich auch nichts, wenn die KI auf persönliche Zuwendung setzt. Laut Safranski ist das „programmierte Strategie“. Diese Zuwendungsoffensive der KI erinnert mich manchmal an nett klingende Rückmeldungen eines Chefs, der »Wertschätzung für die Mitarbeitenden« auf seiner täglichen To-Do-Liste hat.

Parallel zu Safranskis Buch las ich den Roman »Alleinruhelage« von Eva Menasse. Bei der Auswahl der Lektüre dachte ich, das sein ein Kontrastprogramm. Als ich beide Bücher gelesen hatte, stellte ich aber fest, dass sie wunderbar ineinandergreifen.

Eva Menasse erzählt vom Weg eines Neuanfangs. Die Protagonistin steht an einem Punkt, indem ihre Ehe vorbei ist und sie sich dafür entscheidet, das gemeinsame Haus am See zu verkaufen. Dieser Entscheid löst lange zurückliegende Erinnerungen und unerwartete neue Erkenntnisse aus. »Alleinruhelage« ist eine vielschichtige Zwischenbilanz eines Lebens, aber auch eine Geschichte über Fremdheit, Heimat und über das Abschiednehmen.

Was man bei Neuanfängen gerne unterschätzt ist der Umstand, dass die Vergangenheit plötzlich sehr viel näher ist als die Zukunft, um die es ja eigentlich gehen sollte. Wie Safranski schon anmerkt, leben wir geistig in mehreren Welten, im Wirklichen und Möglichen, im Gegenwärtigen, im Vergangenen und im Zukünftigen. Beim Lesen von Eva Menasses Buch begann ich zu verstehen, oder vielmehr zu fühlen, was er damit meint. Mit grossem Vergnügen habe ich ein ganzes Buch lang in diesen »mehreren Welten« verbracht.

Safranski erwähnt weitere Punkte, die den menschlichen Geist ausmachen. Einer davon ist die Spontaneität. Sie ist das Gegenteil von Determination. Sie ist das Vermögen, von selbst anzufangen. Mit der Spontaneität öffnet sich die schöpferische Dimension des Geistes, in der kein Müssen, sondern ein Wollen der Ursprung von allem ist. (S. 64)

Diese schöpferische Dimension des Geistes fängt Menasse in ihrem Buch ein. An einer Stelle, in der sie die Stimmungen (!) im Wald um das Haus herum beschreibt, heißt es:

»Spechte erscheinen mir wie eine tierische Metapher für Leute, die schreiben, diese Ernsthaftigkeit und dieser strenge Blick mit denen sie den Schnabel, ja den ganzen schwarz-weiß-roten Kopf scheinbar suizidal gegen ein Hindernis donnern, weil sie dahinterkommen wollen. Das Futter, die Belohnung, die Erkenntnis sind entsetzlich schwer zu erreichen, aber die müssen herausgebohrt werden, wieviel Kraft und Schnabelhiebe es auch kostet.«

Eva Menasse, Alleinruhelage, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln 2026, S. 81

Menasse erwähnt, dass Spechte zwischen Schnabel und Hirn eine Art Stoßdämpfer haben, ohne den sie das Hämmern gar nicht aushalten würden. Ihr Stoßdämpfer sei wahrscheinlich die Ironie.

Ich frage mich, ob die Abwesenheit von Perfektion vielleicht auch ein Stoßdämpfer sein könnte. Damit meine ich nicht Tippfehler, sondern die Welt des Ungenauen.

Safranski schreibt dazu: 

»Weisheit ist die Einsicht, dass es keine Perfektion gibt. Perfektion aber ist das verführerische Versprechen (…) der KI.« (S. 102)

Vollkommenheit war vor langer Zeit der Sphäre des Göttlichen vorbehalten. Seit einiger Zeit glaubt man, sie sei vielleicht doch machbar. Dazu schreibt Safranski:

»Früher, als man noch weise war, lag ein Fluch auf solcher Vermessenheit.« (S. 102)

Das beruhigt mich. Wenn ich nun trotz KI weiterschreibe, bin ich zwar unvernünftig, aber ich habe immerhin die Chance, weise zu werden.

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Marion

Autorin, Dozentin, Yogalehrerin

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