Das Problem ist nie die Welt (Reise in die Stille Teil 2)

Ein wunderschöner Spätsommertag. Ich sitze auf einer Bank in meinem Lieblingspark und schaue einem Entenpärchen zu, das gemütlich Richtung Fluss watschelt. Auf der Bank neben mir sitzen zwei Frauen. Ich gebe mir Mühe, ihrem Gespräch nicht zuzuhören und konzentriere mich auf die Enten. Doch in diesem Moment kann ich nicht anders.

«Machst Du Dir denn keine Sorgen?» «Weshalb sollte ich das tun? Wenn ich das Problem lösen kann, sind die Sorgen gänzlich sinnlos. Wenn ich es nicht lösen kann, erst recht. Weshalb sollte ich mir überhaupt Sorgen machen?»

Ich bin beeindruckt. So würde ich mir meine Reaktion wünschen, wenn ich mal wieder mit jemandem über mein Vorhaben diskutiere, mein Leben komplett auf den Kopf zu stellen (wohlwissend, dass das Leben stattfindet während man Pläne macht). Leider reagiere ich aber meistens nicht so souverän, sondern verstricke mich in irgendwelchen Rechtfertigungen, weshalb schon alles gut kommen wird und dass meine Risikoanalyse mich durchaus optimistisch stimmt, ich mir also keine Sorgen zu machen brauche. Schön wärs. Würde ich mir keine Sorgen machen, müsste ich mein Vorhaben nämlich nicht ständig erklären.

Was mich wirklich aber wirklich nachdenklich stimmt: eigentlich weiss ich es. Sich Sorgen zu machen ist eine sinnlose Gehirnaktivität. Ich habe keine Ahnung, wie etwas ausgeht, stelle mir aber sicherheitshalber schon einmal vor, dass es richtig schlimm werden wird. Klar ist es schön, wenn es dann nicht so kommt. Die Vorstellung dieses Schreckensszenarios ist aber ungefähr so sinnvoll, wie wenn ich eine Schmerztablette nehme bevor ich Kopfschmerzen bekomme. Mein Blick geht wieder zu den beiden Enten, die mittlerweile am Flussufer stehen. Die beiden fragen sich ja jetzt wahrscheinlich auch nicht, was sie machen, wenn sie im Fluss von einem Schwertwal angegriffen werden sollten.

Warum machen wir Menschen uns denn ständig Sorgen? Weil unser Gehirn dieses Spiel mit uns spielt, ständig. Und das hat seinen Grund. Unser Gehirn macht 2% unserer Körpermasse aus, verbraucht aber 20% aller Energie, die wir aufnehmen. Mein Gehirn wiegt also rund 1,3 kg, verbraucht aber täglich etwa 400 kcal (vorausgesetzt ich lasse die Finger von Nüssen und Schokolade, dann stimmt die Rechnung wohl nicht mehr ganz, aber das ist ein anderes Thema). Wie finden das wohl die anderen 61,7 kg von mir? Sie lassen es gelten, es ist zu ihrem Vorteil.

Unser Gehirn übernimmt nämlich eine ganz zentrale Funktion: es muss unser Überleben sichern. Und deshalb spart es Energie, wo es nur kann. Nicht, indem es aufhört zu denken, was man in manchen Lebenssituationen vermuten könnte. Aber es vereinfacht, verzerrt und entrümpelt, radikal. Ein grosses Sparpotential liegt in Vorurteilen. Der Mensch bewertet aufgrund dessen, was er bereits weiss und nicht aufgrund der sorgfältigen Analyse einer Situation. In der Politik ist das bekanntlich eine durchaus übliche Auffassung von Wahrheit. Dieses Verhalten ist aber nicht ein spezifisch politisches Merkmal. Es ist schlicht und einfach menschlich. Was wir als wahr zu erkennen glauben ist lediglich das, was am besten zu dem passt, wovon wir schon lange überzeugt sind. Unser Denken besteht also weitgehend aus Vereinfachungen, die unser Gehirn im Energiesparmodus produziert. Das ist ernüchternd.

Aber es ist noch nicht einmal alles. Das Gehirn ist täglich einer Unmenge von Reizen ausgesetzt, die es niemals alle verarbeiten kann. Müsste sich das Hirn um alle Details kümmern, würde ihm die Kapazität fehlen, sich mit den wirklich wichtigen Dingen zu beschäftigen. So werden sich wiederholende Abläufe zu festen Mustern und seltene oder nicht mehr gebrauchte Abläufe werden gestrichen. Und so plätschert das Leben vor sich hin. Je älter wir werden und je mehr wiederholende Abläufe unser Gehirn wahrnimmt desto mehr staunen wir, dass schon wieder Ostern ist. Und nein, es ist nicht so, dass die Zeit schneller vergeht. Wir erleben viele Augenblicke einfach nicht mehr voll präsent, sondern nebenbei, als Routine. Unser Gehirn schaltet auf Autopilot und nimmt viele Situationen, die sich wiederholen, nicht mehr bewusst wahr. Wir verpassen unser Leben.

Was das Gehirn uns als Wahrheit vorgaukelt baut auf Erinnerungen und Überzeugungen auf, die vielleicht schon längst nicht mehr aktuell sind. Wenn wir glauben, realistisch zu denken, haben wir immer schon vorab definiert, wie die Wirklichkeit zu sein hat. Wir sehen die Welt also nie wie sie ist, sondern wie wir sie aufgrund unserer Überzeugung kennen. Und genau so ist es auch mit all den Problemen, die wir mit uns herumtragen. Es sind Probleme, weil wir eine Situation aufgrund unserer Erfahrungen und Überzeugungen entsprechend bewerten. Und schon sind sie da, die Sorgen.

Wie können wir denn aber nun die Welt sehen, wie sie wirklich ist? In Selbsthilferatgebern ist die Antwort leicht zu finden: Achtsamkeit. Im Hier und Jetzt sein ohne zu bewerten. Auf dem Meditationskissen ist das einfach. Jedenfalls meistens. Wir konzentrieren uns auf den Atem und mit ein wenig Übung können wir mit diesem Anker immer ein wenig länger präsent bleiben. Aber wie macht man das im Alltag, wenn einem alles um die Ohren fliegt? Vielleicht sollten wir unser Denken verändern, indem wir uns nicht zwanghaft auf etwas konzentrieren, sondern indem wir beginnen, wahrzunehmen. Wir können unser Denken nicht nur auf Inhalte, sondern auch auf Stimmungen und Atmosphären ausrichten. Und wir können unseren Körper miteinbeziehen, mit allen Sinnen. Richtig, es geht um das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele. Ein Zusammenspiel, das uns allen in unserer Kindheit bestens vertraut war. Jetzt ist die Zeit, uns wieder zu erinnern.

In einem ersten Schritt können wir unsere Wahrnehmungsmuster verändern. Indem wir uns zum Beispiel Dinge notieren, auf die wir normalerweise nicht achten. Ich tue das immer wieder in langweiligen Sitzungen. Die Wassergläser sind nicht richtig sauber. Kollege A prüft zum fünften Mal die Fussballresultate auf seinem Handy. Kollegin M feilt unter dem Tisch die Fingernägel. Gerade so ergebnisbefreite Übungen können unsere mentalen Muster durchbrechen. Und genau darum geht es. Damit befreien wir unser Gehirn aus dem Energiesparmodus.

Und nun kommt der unangenehme Teil der Geschichte. Unsere mentalen Muster müssen wir immer wieder durchbrechen. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Das Üben hört nicht auf. Sonst ist ganz schnell wieder Ostern.

Magst Du mitkommen in die Welt der Wahrnehmung und der Präsenz? Im nächsten Blog geht die Reise weiter.