Die Lösung des Problems heisst Präsenz (Reise in die Stille Teil 3)

Einmal im Monat zelebriere ich einen Anfängerinnen-Tag. Ich tue alles, wie wenn ich es zum ersten Mal in meinem Leben tun würde. Diese Tage beginnen, indem ich nicht einfach aufstehe, Zähne putze und Wasser trinke ohne wirklich zu merken, was ich da tue. Diese Tage sind anders. Ich wache auf und strecke mich genüsslich im Bett. Manchmal denke ich in diesem Moment an meinen verstorbenen Vater. Wenn ich ihn fragte, wie es ihm geht, antwortete er oft: «Ich freue mich, dass ich auf der Welt bin und nicht runterfalle».

Ich stelle mir dann auch oft erst einmal die Frage, wie es mir geht. Die Antwort ist nicht immer ganz so einfach. Sich selbst kann man ja so eine Frage nicht einfach mit «gut» beantworten. Nach ein paar tiefen Atemzügen setze ich mich hin und setze die Füsse auf dem Boden auf. Ganz bewusst, so dass ich spüren kann, wie sich die Fussohle mit dem Boden verbindet. In der Küche bereite ich mir meinen Ingwer-Kurkuma-Tee zu. Das tue ich jeden Tag. Aber an diesen Tagen spüre ich bewusst die Beschaffenheit der Wurzeln. Und wenn ich sie sie reibe, nehme ich den scharf-süsslichen Geruch wahr. Sitze ich schliesslich mit dem fertig zubereiteten Tee am Küchentisch, ist erstaunlicherweise gar nicht viel mehr Zeit vergangen als an einem normalen Morgen, an dem dasselbe einfach geschieht. Aber es fühlt sich an, als wäre es fast schon Mittag.

Was geschieht, wenn wir im Hier und Jetzt sind? Die erste Wahrnehmung ist meistens, dass sich die Zeit verlangsamt. Es wird nicht mehr so schnell Ostern (s. Teil 2: Das Problem ist nie die Welt). Aber diese Vollbremsung ist natürlich nicht die einzige Folge der Präsenz.

Vor vielen Jahren absolvierte ich meine erste Yogalehrerinnenausbildung. Meine damalige Yogalehrerin beschloss fast jede Meditation mit der Aussage: im Hier und Jetzt ist alles gut. Es sollte viele weitere Jahre dauern, bis ich diese Aussage nur im Ansatz verstand. Bei den Buddhisten und bei den Stoikern findet man folgende Analogie, die mir dabei geholfen hat: Die Welt ist wie trübes Wasser. Um sie durchblicken zu können, müssen sich die Dinge erst einmal setzen.

Immer wieder heisst es in Meditationen: mach deinen Kopf leer oder: hör auf zu denken. Darum geht es gar nicht sondern darum, dass man in der Lage ist, die Gedanken zu lenken und nicht umgekehrt. Dazu muss man aber keine yogischen Schriften lesen, das steht bereits schon im Duden: Bewusstheit ist der Zustand geistiger Klarheit, voller Herrschaft über seine Sinne.

Schön, klingt nachvollziehbar. Wie kommen wir aber dorthin, in diesen Zustand, indem wir unseren Gedanken sagen, wo sie hinlaufen sollen und nicht die Gedanken uns? Entgegen aller Wohlfühl-Seminare muss man leider feststellen: Abschalten bringt hier gar nichts. Wir sollten eher einschalten.

Interessante Ansätze dazu finden sich im Zen-Buddhismus. Zen-Schülerinnen und Schüler bekommen Denkaufgaben (Koans), die rational nicht gelöst werden können. Zur Lösung dieser Aufgaben benötigt man einen radikal offenen Geist. Ein bekanntes Koan lautet: «Wie klingt es, wenn nur eine Hand klatscht?» So eine Frage lässt sich nicht so einfach beantworten, und genau darum geht es auch. Über so eine Frage müssen wir nachdenken, und zwar langsam. Manchmal tage-, wochen- oder auch jahrelang. Irgendwann kommt der Moment, indem alles klar ist, man weiss es. Eine grundlegende Wahrheit wird offensichtlich und unausweichlich. Dieser Zustand lässt sich nicht im Schleudergang erreichen.

Wie gehen wir nun vor? Als erstes geht es darum, dass das trübe Wasser klar wird. Dies geschieht in der Stille. Nur die Stille macht es möglich, dass sich der Schlamm setzt. Um in die Stille zu gehen, gibt es verschiedene Wege: die Natur, die Meditation, aber auch die bewusste Bewegung. Hat sich der Schlamm gesetzt, geht es darum, sich zu verlangsamen und nachzudenken, und zwar regelmässig.

Ich tue dies oft, indem ich für einen Moment die Gedanken unkontrolliert herumwandern lasse, ohne mich darin zu verstricken. So, wie wenn ich einen Film schauen würde. Zu Beginn kommt meistens ganz viel Alltag. Einkaufslisten, zu erledigende Mails, Sorgen. Man muss sich ein bisschen Zeit lassen, bis der Moment kommt, indem man etwas Interessantes entdeckt. Unglaublich, was da manchmal vermeintlich so aus dem Nichts auftaucht. Vor einigen Tagen sah ich plötzlich Bambi vorbeihüpfen. Und der kleine moppelige Hase Klopfer stand da, auf seinen Hinterpfoten. Es war vor sehr langer Zeit mein Lieblingsfilm. Und plötzlich spürte ich in meinem Inneren Antworten, die tief in meiner Kindheit versunken waren. Ich dachte sie nicht, ich spürte sie. Ich erinnerte mich. Und die Fragen dazu stellte ich mir schon lange. Ich hatte schon unendlich viele Morgenseiten gefüllt mit dem Versuch, sie zu beantworten. Schreiben ist im Übrigen ein wunderbarer Weg, das Denken zu verlangsamen.

Investieren wir Zeit und mentale Energie, finden wir nicht nur etwas, das für uns interessant ist. Wir finden auch das Wahre. Etwas, das wir bisher übersehen haben. Solche Perlen muss man aus der Tiefe heben.

Erinnerst Du Dich an den Perspektivenwechsel aus Teil 1 der Reise (Auf leisen Pfoten)? Das, was man tut, von innen her betrachten. Dieser neue Blickwinkel verändert die Wahrnehmung. Man schaut nicht von aussen auf etwas, sondern man nimmt die Beziehung zwischen den Dingen wahr. Wir schauen nicht, wie unsere Füsse auf dem Boden stehen, sondern wir nehmen ganz bewusst die Verbindung zwischen unseren Füssen und dem Boden wahr. Oder wir drehen das Ganze um und nehmen die Verbindung unserer Füsse mit der Luft wahr. Das wäre dann schon beinahe ein Koan.

Im nächsten Blog erfährst Du, weshalb Deine Füsse (aber nicht nur) der Anker für Deine Präsenz sind.