Wenn das Denken ändert

Vor ein paar Wochen war ich in einem Schweige- und Meditationsretreat. Es fand in einem schlossähnlichen Seminarzentrum auf einer einsamen Anhöhe umgeben von Feldern und Wäldern statt, in dessen Innenhof zahlreiche Hühner und eine Pfauenfamilie frei herumliefen. Als ich das Schloss betrat, waren schon einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelt und unterhielten sich. Es war eine verhaltene Unterhaltung, da niemand so richtig wusste, ob wir überhaupt noch sprechen durften. Als der Seminarleiter dazukam, wurde klar, dass nach dem gemeinsamen Abendessen das Schweigen beginnen würde. Die 15 Menschen der Gruppe sprachen nun so intensiv miteinander, als ob es das letzte Mal in ihrem Leben wäre. Es war laut. Und nach dem Abendessen wurde es wunderbar ruhig.  

Die folgenden sechs Tage sassen wir während sechs bis acht Stunden in der Stille, machten meditative Spaziergänge, beobachteten die Natur, assen und schwiegen gemeinsam. An das stille Sitzen gewöhnte ich mich und das Schweigen gefiel mir ohnehin, da mir die Welt rasch zu laut wird und ich es meistens vorziehe, ruhig zu sein und zuzuhören. Ich war dankbar, dass sich mein Leiden beim Sitzen in Grenzen hielt (wenn ich auch mit jedem Tag ein wenig mehr Polstermaterial benötigte) und dass das Schweigen für mich eher eine Entlastung als eine Herausforderung war. Es hätte eigentlich fast ein Wellnessurlaub sein können. Wäre da nicht so unglaublich viel zu tun gewesen. Es ist ja nicht so, dass man sich in der Meditation auf ein Kissen setzt und einfach ein wenig vor sich hinträumt. Das wäre in etwa dasselbe, wie wenn man joggen möchte und mit den Laufschuhen in der Hand im Hauseingang stehen bliebe. Man setzt sich aufrecht hin mit einer bestimmten Absicht. Selbst wenn man absichtslos meditiert besteht letztlich die Absicht darin eben genau dies zu tun.

In der Zazen-Meditation lauten die vier grundlegenden Haltungen oder Absichten (deshalb der Imperativ):

1. Bewege Dich nicht! 

Einfach still und aufrecht sitzen. Vor allem still. Wenn man sich nicht bewegt, wird es den Äffchen im Kopf irgendwann zu langweilig. Sie schleichen sich davon und wir können ganz in Ruhe unsere Aufmerksamkeit beobachten. Richtig, wir lenken die Aufmerksamkeit auf die Aufmerksamkeit selbst.  Aus der Aufmerksamkeitsaufmerksamkeit heraus hört man im besten Fall auf, sich auf etwas Bestimmtes zu konzentrieren und die Präsenz erweitert sich zu einem weiten Feld; dem Gewahrsein. Das ist eine unglaubliche Fähigkeit, die wir besitzen; wir können uns beim Beobachten beobachten und uns so aus den ganzen Geschichten, die wir uns den ganzen Tag erzählen, herauslösen. Ich finde das eine wirklich grossartige Sache, bloss denke ich so selten dran, gerade dann, wenn es wirklich hilfreich wäre, ein bisschen Distanz einzunehmen.

2. Kratze Dich nicht! 

Wenn man es mit irgendeinem Unwohlsein zu tun hat, einfach nicht reagieren. Wobei es nie einfach ist, da uns Körper und Geist in der Stille gerne jedes nur erdenkliche Unwohlsein vorgaukeln: Mir tut der Rücken weh. Die Schultern schmerzen. Steckt da ein Messer drin? Ich bin so müde. Diese Fliege nervt. Kann dieser Pfau nicht mal ruhig sein? Ich habe Durst. Warum tue ich mir das eigentlich an? Spätestens hier hilft vielleicht der nächste Punkt.

3. Lade Deine Gedanken nicht zum Tee ein! 

Gedanken sind wie Gäste. Sie kommen und gehen. Man kann sich die Gedanken auch wie die Wolken am Himmel vorstellen. Bevor man unter einer Wolkendecke sitzt, kann man es mit folgendem Trick versuchen: Sich selbst mit dem Himmel und nicht mit den Wolken identifizieren (Letzteres tun wir ständig, dann sitzen die Wolken beim Tee). In den seltenen Momenten, in denen mir diese Änderung des Denkens gelingt, stören die Wolken nicht mehr (das hilft auch bei Gästen).

4. Korrigiere Deinen Geisteszustand nicht! 

Hier wird es richtig interessant. Oft wünsche wir uns ja, ungebetene Gedanken oder schwierige Erfahrungen einfach nur loszuwerden. Und genau diesen Impuls sollten wir loslassen und einfach gar nichts tun. Für mich persönlich ist diese radikale Akzeptanz die Königsdisziplin. Wenn das gelingt, dann stellt sich ein derart tiefes Gefühl des Vertrauens ein, das sich kaum beschreiben sondern einfach nur fühlen lässt.

Spätestens dann, wenn dieses tiefe Gefühl des Vertrauens eintritt, bekommen wir die Chance, der Sache auf den Grund zu gehen, nämlich der Frage, „wer“ wir wirklich sind. Das Problem ist ja, dass uns im normallauten Alltag meistens das „Was“ im Weg steht. Wir definieren uns darüber „was“ wir sind, beispielsweise über unser Geschlecht, unsere Religion, unsere ethnische Herkunft, unseren Beruf oder unsere Verortung in der Familie. Je intensiver wir uns aber an diesem „Was“ festhalten, desto geringer wird die Chance, dass wir uns verändern, entwickeln, wachsen oder einfach werden können. Je stärker wir mit unserem „Was“ verwoben sind, umso geringer wird auch die Möglichkeit, dass wir uns mit anderen verbinden. Ich führe diesen Gedanken hier absichtlich nicht weiter, es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Selbst wurde mir dies Unterscheidung zwischen dem „Was“ und dem „Wer“ ab etwa dem dritten Tag des Retreats bewusst und das Gefühl, das mit diesem Bewusstsein einherging, nimmt mich bis heute ein. Mein „Was“ löste sich Stück für Stück auf und dieser Prozess ging mit einem unbeschreiblichen Glücksgefühl einher. Meine erste Reaktion war, wie wunderbar es doch ist, „Niemand“ zu werden. Dann verstand ich aber, dass nun mein „Wer“ im Raum stand und ich begann mir eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte darüber, wer ich wirklich bin. Und die liest sich ganz anders, als mein Lebenslauf.

Es war wohl auch dem Umstand geschuldet, dass ich seit drei Tagen mit 15 Menschen zusammen war und wir uns nicht gegenseitig erzählen mussten, was wir tun oder nicht tun und weshalb. Ich wage zu behaupten, dass wir uns im Schweigen mindestens so gut kennenlernen konnten wie in der alltäglichen Redeflut, wo es oft nicht gelingt, die wesentlichen Informationen über einen Menschen herauszufiltern.

Als ich am vierten Tag nach dem Mittagessen im Innenhof auf einem Bänkchen sass und die Pfauenfamilie beobachtete,  erinnerte ich mich an das Musikstück 4’33’’ des amerikanischen Komponisten John Cage. Es ist ein Stück in drei Sätzen, in dem ein Pianist keinen einzigen Ton spielt. Wenn es aufgeführt wird, sind es Umgebungsgeräusche wie verlegenes Lachen, Räuspern oder Stühlerücken, die das Stück ausmachen. Cage ging davon aus, dass alles, was wir hören, Musik ist. Beeindruckend ist, wie klar man in diesem Stück (und auch danach) plötzlich die Zwischentöne hört. In der trügerischen Ruhe reicht das kleinste Geräusch aus um sich zu fragen, was denn nun die Realität ist. Das Musikstück oder die Geräusche dazwischen.

Genau dies war die Absicht von Cage. Er war der Auffassung, dass es so etwas wie Stille gar nicht gibt. Stille bedeutete für ihn nicht die Abwesenheit von Schall, sondern eine Änderung im Denken. Wer sich auf diesen Perspektivenwechsel einlässt, bekommt die Chance, einen Moment aus dem eigenen mit Gefällt mir-Gefällt mir nicht-Urteilen überladenen Gehirnalltag zu entfliehen und (vielleicht) die Wirklichkeit zu sehen.

An der Columbia University wird John Cages 4’33’’ jedes Jahr vor Studierenden aufgeführt. Sie hören dann Geräusche, die normalerweise nur stören, wie Schritte von Menschen im Korridor, Räuspern und Husten als reine Realität des Klangs und können so eine Änderung in ihrem Denken erfahren. Wie in der ZEIT kürzlich zu lesen war, wurde das Stück in diesem Jahr nicht aufgeführt. Die reine Realität des Klangs hätte in diesem Jahr aus antiisraelischen Protesten von demonstrierenden Studierenden bestanden, was man den nicht demonstrierenden Studierenden nicht zumuten wollte und man zog es deshalb vor, wieder auf die vertraute Realität aus Schritten, Räuspern und Husten im nächsten Jahr zu hoffen.

„Alles Unheil kommt von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können.“ Für einmal bin ich mir nicht sicher, ob das berühmte Zitat des französischen Philosophen Blaise Pascal auch hier zutrifft. Vielleicht sollte man die Chancen, die in einer Änderung des Denkens (in welche Richtung auch immer) bestehen, besser nicht unterschätzen.

Zum Weiterdenken und Staunen:

Christian Dillo, Der tiefe Wunsch nach Lebendigkeit, Ein buddhistischer Wegweiser für das 21. Jahrhundert, Ullstein Buchverlage Berlin, 2022

Clemens J. Setz, Wenn die Stille zu laut wird, DIE ZEIT Nr. 19 vom 2. Mai 2024, S. 52

Ein besonderes Exemplar der Pfauenfamilie kann hier bewundert werden.

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Marion

Dozentin, Schreibpädagogin und Yogalehrerin

4 Kommentare zu „Wenn das Denken ändert“

  1. Liebe Marion, ein schöner Beitrag, den ich gerne immer mal wieder lesen werde, weil du das Thema so gut auf den Punkt bringst – danke dir und herzliche Grüße, Annette 🙂

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  2. Liebe Marion, Danke! Für die Stille, die AufmerksamkeitAufmerksamkeit und Deine Gedanken dazu. Ja – Stille ist so viel mehr als nur die Abwesenheit von Geräuschen oder gar Lärm ♥️

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